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Sehr geehrter Herr O-Ton,

ich schreibe heute mal ein wenig über Annie Clark, die sich als musizierende Singer/Songwriterin St. Vincent nennt. Allerdings hat ihr Künstlername weniger etwas mit dem karibischen Inselstaat St. Vincent und die Grenadinen zu tun, sondern eher mit „Saint Vincent’s Catholic Medical Center“, in dem der walisische Dichter Dylan Thomas 1953 verstarb und welchem Clark sich nahefühlt: „Es ist der Ort, zu dem die Poesie gelangt, um zu sterben. […] [Und] das bin ich“.

Die 29-jährige Amerikanerin hatte mich bisher immer kaltgelassen. Warum? Ich denke, ich war bisher immer von ihrem Image der lieblichen und zierlichen Rehaugen-Frau verstört und ordnete sie fälschlicherweise in die Schublade „Musik für Zuckerwatte-Indie-Mädchen“ ein. Ein Fehler, denn als ich vor ein paar Monaten die Free-Download-MP3-Single „Surgeon“ gehört hatte, war ich von der Eleganz, Sinnlichkeit und der gleichzeitigen Verschrobenheit dank der Gitarren-Riffs und dem Noise am Ende beeindruckt. Und dann konnte ich nach dem Angucken des unglaublich genialen Musikvideos zum starken Stück „Cruel“ nicht mehr genug von Annie Clark bekommen.

 

Als das Album endlich auf Simfy zu hören war, konnte ich nicht glauben, wie formidabel ihr aktuelles Album Strange Mercy (2011) mit der erwähnten Singleauskopplung geworden ist. Manchmal wünschte ich mir, sie würde etwas kräftiger, mit mehr Vibrato, singen können. Aber sie macht es mit teils düsteren Songtexten, aufregenden, vibrierenden Arrangements und einer vielschichtigen musikalischen Abwechslung wieder wett. Die paar Downtempo-Songs in der zweiten Hälfte der Platte wie „Neutered Fruit“ oder „Champagne Year“ oder der Titeltrack sind nicht sehr zwingend zwar, fallen aber auch nur deshalb so sehr ins Minus-Gewicht, weil der große Rest das Gesamtwerk überstrahlt.

Während des Hörens ihrer teils avantgardistischen und elektronisch versetzten Songs denke ich immerzu an gemäßigtere Versionen von Björk und Kate Bush, gerade bei „Chloe in the Afternoon“. Gleichzeitig aber auch an Alison Goldfrapp mit mehr Indie-Rock als Synthpop, gerade bei „Cheerleader“. Oder an farblose Singer-Songwriterinnen wie Rachel Yamagata oder Ingrid Michaelson (hatte nur einen guten Hit), wenn ich die ungleich lebendigeren Songs „Hysterical Strength“ oder „Northern Lights“ höre.

St. Vincent steht aber eher auf einer Stufe mit Kolleginnen wie Regina Spektor oder tUnE-yArDs, ist auf einer virtuellen Skala zwischen beiden Enden genau zwischendrin, also zwischen klassischer Schein-Unschuld und experimentellem Wahnsinn. Und natürlich habe ich auch St. Vincents Vorgängeralben Marry Me (2007) und Actor (2009) angehört, das eine ist Singer-Songwriter-Pop, das andere etwas füligerer Indie-Streicher-Pop, und ihr zweites Album ist ihrem dritten fast ebenbürtig. Ach ja, noch etwas. Ja, St. Vincent kann richtig gut Gitarre spielen. Nicht täuschen lassen von ihrer scheinbaren Süße! Denn wie viel Power in ihr live steckt, kann man hier nachgucken, „Marrow“ live in Frankreich, aus Actor (2009):

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Geschätzter Herr O-Ton,

Justin Vernon und seine zur Band angewachsene Musikerhülse Bon Iver befanden sich 2008 noch in ihrer eigenen Folk-/Singer-Songwriter-Nische. Für mich als damaliger radikaler Folkophober war es einfach, sich dem Anhören von Bon Ivers Debütalbums For Emma, Forever Ago (2008) zu entziehen. Bon Iver, eine Verstümmelung von „bon hiver“ (Frz. für: guter Winter), war damals einfach nur der Künstlername von Justin Vernon, über die er seine karge Musik an die Leute vermitteln konnte. Zwar war seine reduzierte und dadurch direkt durchdringende Musik überhaupt nicht meins, konnte aber anscheinend die Herzen vieler Menschen wie auch deines, Herr O-Ton, verzaubern. Alle Musikkritiker (online wie offline) schienen das Album sehr gerne zu haben.

Sein Image war damals klar definiert: einsamer Kerl mit zauseligem Bart, für den er eigentlich zu jung zum Tragen ist, hat Liebeskummer und flieht mit schwerem Herzen vor der Zivilisation. Er versteckt sich sodann in einer kleiner Holzhütte mitten in einem verschneiten Wald, wärmt sich durch den Kamin und seine Flanellhemden auf, und erträgt lieber den Winter als neue Schmerzen, die ihm die nun fernen Menschen zufügen könnten. Dabei klimpert er an seiner Gitarre und schreibt Songs.

Nach einer EP wurde aber vieles anders. In Justins Herzen wurde es langsam Frühling, er setzte die Wollmütze ab, kroch aus seinem Refugium, umgab sich wieder mit mehr Leuten und vielen Musikern. Er ließ sich die Kopfhaare stutzen, stylete sich vermehrt Sonnenbrillen und baute sein Selbstbewusstsein wieder auf. Nicht nur, dass zahlreiche Nebenprojekte (Gaygns, Volcano Choir, Kanye Wests fünftes Album) auf seinem Weg zum Indie-Startum entwickelt wurden, es schlossen sich ihm dadurch auch drei musikalische Gefährten an, die nun auch im Bon-Iversum (haha) Platz finden.

Die vierköpfige Band Bon Iver, die sie nun ist, erschafft dank Justin Vernons neuen urbanen Einflüssen wie Saxofon-Klänge, Indie-Rockismen und genereller Kollaborations- und Experimentierlust ein zweites Album, das wahlweise Bon Iver oder Bon Iver, Bon Iver genannt wird. Das vielschichtiger gewordene Album mit der Kartografie teils abstrakter Orte („Michicant“, „Wash.“, Hinnom, TX“) wird zum endgültigen Durchbruch für ihn. Ein fabelhafter Platz 2 in den amerikanischen Billboard-Charts wird erreicht, der parallele Blog-Hype um Bon Iver nimmt kein Ende mehr, er und seine Mannen sind und bleiben bis heute in aller Indie-Gossip-Munde.

Und nun schafft er es auch, mich musikalisch zu bezirzen. Schlusstrack „Beth/Rest“ ist in der Albumversion (die Solo-Pianoversion ist toller) noch immer schwer zu verdauen, doch die anderen acht Songs umschmeicheln mit nach Weite klingender Musik meine Ohren trotz Spuren von Folk und Country (welche während des Hörvorgangs bewusst überhört werden). Atmosphäre, bis mein Gehörgang reicht, das schafften dieses Jahr bisher nur James Blake und Destroyer.

Die Single „Calgary“ klingt wie ein Radio-Hit aus einer besseren Welt.

Und „Holocene“ funktioniert wie ein irdischer Sigur Rós-Song. Gleichzeitig sind das auch meine zwei Lieblingssongs daraus.

Hör dir, lieber Herr O-Ton, das Album noch ein/zwei Male öfter in einem Rutsch an, vielleicht wächst es ja noch bei dir. Ich weiß, dir ist der einsame Justin von 2008 lieber. Und wenn dir das Album noch nicht reicht, kannst du ja auf dem Indie-Blog Stereogum nach den Coverversionen von Björk- und Bonnie Raitt-Songs suchen. Und dass ich Bon Iver nach seiner musikalischen wie optischen Verwandlung interessanter und irgendwie sexy finde, versteht sich eh von selbst.

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12.9.2011 9:03

Lieber Herr A-Ton,

ich habe tatsächlich viel Bon Iver gehört in der letzten Woche, wie Du ja an meinen tweekly Top-3 schon gesehen hast. Aber nicht nur das zweite, sondern eben auch das erste Album, welches mir im Februar 2009 das erste Mal untergekommen ist. Ich fand das Album damals sehr ungewöhnlich. Da hatte es jemand geschafft, noch melancholischer zu klingen als Scott Matthew oder Antony Hagerty (und dabei ist der hetero…!) Wiederbegegnet ist mir Bon Iver dann beim Konzert von den Local Natives, wo die Platte im Vorprogramm lief. Ich hatte es direkt erkannt, aber natürlich, wie so oft keinen Namen parat und als dann das Mädel am Eingang sagte, es handele sich um den tollen Bon (H)iver, dachte ich, sie müsse sich vertun, weil mir der Name nichts sagte. Dabei hatte sie ihn nur richtig ausgesprochen. Auf jeden Fall dachte ich damals, bei dem hätte ich auch nciht gedacht, dass er mal eine breitere Öffentlichkeit ereicht.

Für Folk ist es doch sehr langsam, er zieht ja beinahe jeden Ton in die Länge und wäre da nicht die Gitarre, sondern elektronische Sounds als Begleitung, würde man es auch nicht mehr als Folk bezeichnen. Ich glaube, deshalb passt er auch gut zu James Blake, weil die beiden sich in der Atmosphäre ihrer Songs sehr ähnlich sind. Justin Vernons Stimme würde wohl auch nicht zu einer anderen Art Musik passen, schon gar nicht zu knackigem Folk.

Was die beiden Alben anbelangt finde ich deshalb auch, dass es gar keinen so großen Unterschied gibt. Die neue ist etwas frischer, größer instrumentiert, aber von der Grundstimmung her doch sehr ähnlich wie Emma, forever ago… Ob das jetzt nur an der Stimme liegt, weiss ich nicht! Auf jeden Fall höre ich jetzt beide gerne. Noch erwähnen möchte ich seine EP Blood Bank, die 4 sehr schöne Tracks enthält. Vor allem der Titel Woods erinnert doch sehr stark an James Blake, oder? (Hier leider nur mit einem Bild aus der UK-Serie Skins, die mich teilweise ja auf tolle Musik gebracht hat)

Und hier noch das Video zu The Wolves (Act I and II), bei dem ich dann dachte, okay, der kommt aber schon aus der Folk-Richtung 😉

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12.09.2011, 17:46

Hallo, Herr O-Ton,

also ich habe mir heute als noch immer nicht von Folk-Musik begeisterter Mensch tatsächlich das erste Album For Emma, Forever Ago (2008) angehört. In Gänze. Und ich muss sagen, dass es nicht so eine qualvolle Angelegenheit geworden ist wie befürchtet. Tatsächlich finde ich manche Stellen auf dem Album ganz okay, die zweite Hälfte davon nämlich. „Flume“ und „Skinny Love“ sind mir jedoch zu typisch folkig, das ganze Album berührt mich längst nicht so sehr wie das nach Weite, Nebel und Ozean klingende zweite und durchaus gelungene zweite Album (2011).

Bin noch nicht dazu gekommen, die Blood Bank EP mir anzuhören, da sie nicht streamable ist auf simfy. Vielleicht gefällt sie mir ja. Und, ich muss dir ein wenig widersprechen, Ähnlichkeiten sehe ich nur wenige zwischen Album Nr. 1 und Nr. 2, da letzteres weitaus langsamer, komplexer, unbestimmter, vielschichtiger und noch weitaus unfolkiger geraten ist als das erstere. Das sieht man vor allem an den wie Chiffren funktionierenden Texten, die sind sehr indirekt und „impressionistisch“ (Pitchfork).

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Lieber Herr A-Ton,

aus gegebenem Anlass gibt es heute noch eine Geburtstagsgratulation. Weil wir uns vor kurzem über Glamrock und Drama in der Musik unterhalten haben, passt das glaube ich heute ganz gut rein.

Es geht um einen Künstler und eine Band, die natürlich zu meiner Zeit noch sehr präsent waren: Freddy Mercury, der heute 65 geworden wäre, und Queen.

Meine erste (Vinyl-)Platte von Queen war The Miracle. Ich weiss nicht mehr so genau warum und wie, aber ich hab sie von einem Freund bekommen, ich glaube, im Tausch gegen irgendwas anderes. Es ist dieses Album mit den vier Köpfen vornedrauf, die aber so zusammengeschnitten waren als wäre es ein Kopf mit vier Mündern und sechs Augen. Ich war so ungefähr 15 und kannte Queen noch nicht, weil wir hatten noch kein Musikfernsehen. Auf jeden Fall erinnere ich mich, dass ich das Cover immer wieder angucken musste, weil ich es so abgefahren fand. Damals wie heute, als Photoshopnutzer, denkt man sich natürlich, wie haben die das gemacht? Mein Lieblingssong war damals The Invisble Man, bei dem ich des öfteren meinen Hifi-Turm zum wackeln brachte, weil ich, pirhuettendrehend mit den Kopfhöhern auf, mal wieder gegen das Bett gekracht war.

Heute weiss ich, dass das Album und die nachfolgenden von den ersten Queen-Fans gehasst wurde, weil es, wie man heute sagen würde, zu sehr Pop war.

Wenn man sich heute Freddy Mercurys Perfomances oder Interviews anschaut, ist es natürlich klar, dass er schwul war. Aber ich glaube der großen Öffentlichkeit war das gar nicht bewusst. Ganz deutlich erinnere ich mich an den Tag an dem Freddy starb, da hat mein italienischer Kollege Giovanni, stockhetero, geweint.

Rein musikalisch ist Queen ja sehr unterschiedlich. Klar, der Fokus auf den Instrumenten und der Stimme blieb natürlich immer bestehen, aber man kann sagen, dass sie das Optimum an Spannweite geleistet haben, entsprechend ihren Fähigkeiten und den damaligen technischen Mitteln. Man denke nur an den Bogen von We will rock you oder We are the Champions zu so komplexen Songs wie Bohemian Rhapsody oder Innuendo! Diese Wandlungsfähigkeit hat ihnen glaube ich auch zu diesem Sonderplatz in der Musikgeschichte verholfen. Im Prinzip war das die gleiche Wandlungsfähigkeit wie bei Madonna oder David Bowie, deren Starkonzept bei neuen Platten komplett neu erfunden wurde.

Happy Birthday Freddy

Ich bin stolz darauf, die vierköpfige New-Yorker-Band Hooray for Earth fast von allein entdeckt zu haben, ohne Empfehlung von Freunden oder Hilfe deutscher Musikzeitschriften (Musikexpress, Visions, Spex, Rolling Stone Deutschland). Die Band kennt hier auch kein Mensch. Bis jetzt…

Und auch nur indirekt hat mir der regelmäßig von mir angesteuerte Blog Pitchfork dabei geholfen. An einem Tag Anfang Juli wurde ihr zweites Album True Loves (2011) der Brooklyner rezensiert und bekam relativ gute 7.9 von 10.0 Punkten. Ich hakte die Indie-Synthie-Rock-Band trotz dieser guten Bewertung und dem niedlichen Goldbären-Albumcover (an Jeff Koons erinnernd) als just another indie band ab, las die Plattenbesprechung gar nicht mal durch und scrollte mich weiter.

Monate später durchforstete ich Metacritic nach den besten Alben des Jahres durch, da ich nach neuer und für sehr gut befundener Musik dürstete. Und da tauchte eben dieses Album mit dem Bären wieder auf. 84 von 100 Punkte ist ein sehr guter Wert bei acht Plattenkritiken. Da wurde ich neugierig, youtubte mich durch die Clips mit Standbild und mit offiziellem Musikvideo und war begeistert. Dann noch nach (legalen) Free MP3s gegoogelt und mich bis zur Sättigung durchgehört.

Gut, die Songs klingen beim ersten Hören schon etwas nach ätzend hedonistischer Hipster-Musik. Aber ich kann versichern, dass sie mehr tiefgängigen Groove und Seele besitzen als viele ihrer Brooklyner Musiker-Nachbarn. Für Fans von Cut Copy und des ersten MGMT-Album, würde ich sagen. Anspieltipps wären das knackige und groovende „No Love“ und das preschendere „Sails“ aus True Loves, das leicht roh klingende „Videostore“ aus der EP Cellphone (2008) und das melancholischer klingende „Surrounded by Your Friends“ aus der zweiten EP Momo (2009), wovon es auch dieses Musikvideo gibt:

Blöd ist nur, dass weder ihr gleichnamiges Debütalbum von 2006 noch das etwas intensiver von der Plattenfirma beworbene Album True Loves (2011) oder ihre EPs in Deutschland zu kaufen sind. Zumindest nicht in Plattenläden oder Amazon. Via simfy kann ich mir auch nichts von ihnen anhören. Digital gibt es True Loves wohl höchstens bei iTunes, wovon Mr. O-Ton ja profitieren kann. Doch du bist nicht sonderlich begeistert von ihrer Musik, oder?

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Lieber Herr A-Ton,

geht es Ihnen auch manchmal so, dass ihnen Musik ein zweites Mal begegnen muss, um nochmal so richtig ins Ohr zu gehen? Mir ist das letzte Woche direkt mit zwei Bands so gegangen: Body Bill und Grizzly Bear.

Body Bill wurden bei Zeit online im Rekorder gefeatured und da ich mich vage an den Bandnamen erinnern konnte, hab ich mir das Video mal angeguckt und dachte nur, eeeuuu, was für unsympathische Jungs das doch sind. Große Sonnenbrillen, Bärte, karierte Hemden oder Kinder-T-shirts/Shorts. Total indivudeller Berliner Massenchique also. Dann noch bei schlechtem Wetter auf einem Berliner Hochhausdach, mit tierisch kreativen Verkleidungen ihrer technischen Geräte. Ich habe den Satz im Ohr: „Ey, da machen wie einfach ganz viel Alufolie drum. Das wird geil!“ Trotzdem mag ich die Musik so gerne. Mist!

Berliner Jungs auf Hochhausdach angucken

Die zweite Band, die mir wieder begegnet ist, ist die us-amerikanische Folk-Rock Band Grizzly Bear. Und zwar habe ich mir den Film Blue Valentine angeschaut, eine nicht gerade massentauglicher Liebestragödie, mit vielen nahe gehenden Szenen, tollen Schauspielern und wunderschöner Musik. Den ganzen Film über dachte ich, wer hat nur diese schöne Musik gemacht, die ich in Ansätzen zu kennen glaubte. Ich wollte also die Endtitel auf jeden Fall ganz abwarten um mir die Musiktitel anzusehen. Musste ich aber gar nicht, denn schon an dritter oder vierter Stelle des Abspanns kam „Music by: Grizzly Bear“. Und auch sie habe ich mir dann mal wieder genauer angehört. Im Film war es sehr reduziert und folkig, auf dem Album klingen sie aber sehr elektronisch, auch wenn größtenteils akustische Instrumente verwendet werden.

Hier der Trailer zum Film, ohne die Musik von Grizzly Bear

…und hier noch eines meiner Lieblingslieder von Grizzly Bear als Video:

Beide Bands habe ich vor einiger Zeit entdeckt und viel gehört, dann aber wieder vergessen. ich finds aber schön, dass sie mir wieder begegnet sind!

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23.08.2011, 08:30

Salut, Herr O-Ton,

klar gibt es oft Musiken, die mindestens ein zweites Mal benötigen, um ins Ohr zu gehen. Z.B. für „Basic Space“ von The xx brauchte ich 20 Anläufe, bis ich es in mein Herz schloss…

Puh, das sind ja gleich drei Blogthemen in einem Post!

Grizzly Bear zum einen, von denen finde ich das hochgelobte und eher unfolkig klingende dritte Album Veckatimest (2009) echt gut. Der zurückhaltende Albumtrack „Cheerleader“ musste ich zum Gutfinden z.B. mir mehrere Male anhören, die Dreampop-Singles „While You Wait for the Others“ und „Ready, Able“ und natürlich „Two Weeks“ (siehe unten) hingegen fanden sofort in meinem Gehör Platz! Daraus könnte man einen neuen eigenständigen Blogeintrag in der Rubrik „Queer Ear“ erstellen, nicht wahr, Herr O-Ton?

Dann indirekt Ryan Gosling, den du oben leider nicht explizit erwähnt hattest, der aber als einer der Hauptdarsteller in Blue Valentine und genereller Schauspieler unglaublich brilliant ist. Außerdem macht der privat Jazz hörende Mime selber Musik und ist Teil des folkloristischen Indie-Pop-Duos Dead Man’s Bones. Ich schlage ein weiteres Abpflücken dieses Themas vor, das dann in einen neuen Post eingepflanzt werden könnte. Anspieltipp: „My Body’s a Zombie for You“ (unten ist ein inoffizielles Musikvideo zu sehen, nicht abschrecken lassen von dessen Wortwörtlichkeit).

http://vimeo.com/26811181

Und jetzt noch Bodi Bill. Ein Namensvetter von dir hört gerne Elektropop und IDM, hat sonst einen tollen Musikgeschmack, bei ihm jedoch sind ganz oben in der Last.FM-Statistik die deutschen Elektroniker Booka Shade und Bodi Bill. Die frühe Single letzterer Formation namens „I Love Holden Caufield“ gehört zu den seltenen Liedern, die, je öfter ich sie höre, immer schlechter werden, bis ich sie kaum noch anhören möchte. Das wäre dann wohl die Antithese zu deiner These am Anfang. Das liegt wohl an den billig und schal klingenden Beats. Und, was noch grütziger ist, ist der nicht zu leugnende deutsche Akzent des nicht Singen könnenden Sängers. Dass sie imagetechnisch die unoriginelle Berlin-Mitte-Hipster-Schiene, wie du oben schön nachskizziert hast, voll und ganz auffahren, überrascht mich nicht. Muss ich mir mit all den Vorurteilen und schlechten Song-Erfahrungen noch eines ihrer Alben anhören? Och nö…

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Lieber Herr A-Ton.

im Jahr 1992 oder 1993, da war ich gerade so um die 18, da wurde meine musikalische Welt umgekrempelt. Damals hörte ich Pink Floyd, Genesis, Amy Grant (omg), Deutschrock (wird nicht näher ausgeführt) und ein bisschen Liedermacher…

Durch einen Artikel in der Zeitschrift „Keyboards“ bin ich auf Tori Amos aufmerksam geworden, die gerade ihre erste Platte rausgebracht hatte. Der Kritikier überschlug sich und beschrieb Amos als eine Ausnahmekünstlerin, die ein völlig neues Genre geschaffen habe und noch vieles mehr. Angefixt davon ging ich dann in den Plattenladen meines Vertrauens und habe mir die CD bestellt, die damals 30,- DM gekostet hat. Es war glaube ich das erste Mal, dass ich etwas bestellen musste.

Wie so oft bei großen Entdeckungen, habe ich die CD nicht sofort kapiert und fand manche Stücke mehr als sonderbar. Was ich aber schnell verstand, war, dass Tori Amos nicht von schönen Dingen sang. Und da ich natürlich zu der Zeit auch oft todunglücklich war und unverstanden von der Welt, traf sie bei mir auf fruchtbaren Boden. Ihre Stimme hatte von Anfang an eine verstörende, faszinierende Wirkung auf mich. Sie hat ja wenn sie singt, eine eigene Tori-Sprache.

Meine Lieblings-Alben von ihr sind nach wie vor die ersten drei. Das erste, Little Earthquakes, und das zweite, Under the Pink, mehr aus melancholischen Erinnerungen heraus und das dritte, Boys for Pele, weil ich es auch heute noch als Meisterwerk betrachte, avantgardistisch und richtungsweisend. Sie hat hier ihren eigenen Stil zur Vollendung gebracht. Auch für dieses Album habe ich wieder einige Zeit gebraucht um es kennen und lieben zu lernen.

Das Oeuvre ist ja mittlerweile so groß, 12 Studioalben, das es schwer ist eine Empfehlung zu geben, was man unbedingt hören sollte. Für Sie Herr A-Ton vielleicht To Venus and back, weil es etwas elektronisch ist oder auch From the Choirgirls Hotel, mit einem meiner Lieblingssongs Northern Lad.

Nicht gerade die beste Version des Songs, aber man hört schön, wie sie die Wörter verunstaltet und sieht dass mir der Bassist wirklich zum Verwechseln ähnlich sieht 😉

Kennen Sie das auch Herr A-Ton, dass man manche Musik erst nicht versteht, aber merkt, dass da was ist und beim näheren Hinhören pellt sich da ein Schatz heraus?

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15.08.2011, 11:45

Lieber Herr O-Ton,

„is she still pissing in the river?“ („Space Dog“). Mit Myra Ellen Amos – so heißt Tori Amos mit bürgerlichem Namen, wobei ich den Vornamen Victoria vermutet hätte – habe ich bisher nicht viel am Hut gehabt. Ich kenne aber ein paar Songs von ihr.

Ich liebe „A Sorta Fairytale“ vor allem wegen des poetischen Musikvideos. „Strange Little Girls“ fand ich zumindest erstaunlich, „Cornflake Girl“ vom Songtitel her amüsant. Und vor dem exzentrischen Musikvideo zu „Professional Widow“ im „Armand’s Star Trunk Funkin‘ Mix (Radio Edit)“ (sic!) hatte ich als Kind Angst gehabt, warum auch immer.

Apropos Kindheit. Ich war 9 Jahre alt, als diese in Deutschland erstaunlich erfolgreiche Single erschien. Zur Zeit ihrer Debütveröffentlichung anno 1992 war ich sogar erst fünf! Lange Zeit später habe ich sie fälschlicherweise als zu lieblich für meinen Musikgeschmack abgetan, sie nannte ihr Best of schließlich nicht unprätentiös Tales of a Librarian (2003)!

Eingeordnet habe ich sie zwischen der schrulligen Kate Bush und der biederen Heather Nova, die ich beide im Gegensatz zu Amos kaum mag. Ihre jüngeren Kolleginnen Fiona Apple (wann kommt ihr viertes Album?) und Feist (bald kommt ihr viertes Album) trafen viel mehr mein Herz.

Das Herz meiner besten Freundin Karo hatte Tori Amos schon in ihrer Jugend geknackt. Doch Album Nr. 3 Boys for Pele (1996), welches ich von Karo erhielt, war mir wahrscheinlich zu lang geraten (ca. 70 Minuten), um bewusst gehört zu werden. Das Ding hatte ich wohl auch nicht kapiert, das Hören jener Albums und auch deiner Anspieltipps wird aber nachgeholt.

Doch ein Schatz hat sich tatsächlich herausgepellt. Dank dir höre ich ihr zweites Album Under the Pink (1994) via simfy. Und ich bin wirklich verzückt von den zwölf Songs. Demnach war ich damals wohl zu jung für ihre teils vertrackten Lyrics, ihre vielschichtigen Klaviermelodien, ihre schöne aufopfernde Stimme. „Pretty Good Year“, „God“ und „The Waitress“ sind anregende expressive Mid-Tempo-Stücke, „Space Dog“ ist schizophren und grandios, ihre Balladen wie „Cloud on My Circle“ oder das sinnliche „Icicle“ versprühen hingegen befremdlich schönen Liebreiz. Und über allem thront natürlich die wahnsinnig eingängige Single „Cornflake Girl“.

Ich hätte noch ein paar Fragen. Wer ist Amy Grant? Hatte Tori schon immer rote Haare? Wie gut war ihre frühere 80s-Synthiepop-Band Y Kant Tori Read, der damals großer Erfolg versagt war? Und die wichtigste aller Fragen: ist Tori Amos der Posterwoman-Traum aller Toy-Boy sein wollenden jungen Heteromänner schlechthin, eine Art MILF? 😀

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16.08.2011 21:16

Ach wie schön, Herr A-Ton,

dass Sie jetzt ein bisschen Tori hören und entdecken. Zu Ihren Fragen:

Amy Grant, christliche Folkbardin, die ein paar nette Liedchen geschrieben hat. Ich war ein echter Fan! Es ist allerdings sehr 80er, sehr seicht und hat heute für mich nur noch Erinnerungswert. Es gab einen Ausflug von ihr in die Popwelt, mit einem echten Hit, nämlich Baby Baby aus dem Jahr 1991, den vielleicht auch Sie kennen…?

Tori hatte glaube ich schon immer rote Haare, wobei manchmal mehr manchmal weniger rot… und die 80er Jahre Y Kant Tori Read, hatte ausser dem lustigen Namen wirklich nicht viel zu bieten. Soweit ich weiss gab es eine Menge Streit mit Atlantic Records und mit der Band und wenn man das Video zu The Big Picture sieht, kann man sich einfach nicht vorstellen, dass Tori das gut gefunden hat, auch wenn sie es ziemlich gut rüberbringt. Man sagt, sie hat das Album nach ihren großen Soloerfolgen einstampfen lassen.

Zur letzten Frage kann ich nur sagen: Ich habe auf beiden Konzerten mit Tori Amos keine Heteromänner gesehen! ich vermute, die haben eher Angst vor so einer Frau, man muss sich nur mal ihre Absätze ansehen!

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17.08.2011, 16:07

Servus, Herr O-Ton,

ach DAS ist Amy Grant! Und sie macht sonst eher christlichen Folk? Das hört man ihrem größten Hit „Baby, Baby“ aber so gar nicht an! Das kenne ich natürlich, ist ja auch fester Bestandteil aller Seichtradiosender mit der Ziffer „3“ am Ende. Sehr oft unbewusst habe ich das Lied seit meiner Kindheit gehört, und leider kann ich es nicht schlecht finden. Gut aber auch nicht. Ich muss gerade an Paula Abdul und Mariah Carey denken…

Kommen wir zu einer interessanteren Künstlerin zurück. Tori Amos bringt im September diesen Jahres ein neues Album heraus: es nennt sich Night of Hunters (2011) und wird von einer neuen Plattenfirma vertrieben, Deutsche Grammophon. Allerdings ist das bloß eine Unterabteilung ihres „alten“ Labels Universal. Das Cover sieht mit dem stark nachgefärbten Haar schon mal sehr streng und doch künstlerisch aus (Photoshop-Einsatz?), auch wenn sie damit und der Plattenfirma-Wahl endgültig in die Sparte „Musik für besserverdienende Ü40-Menschen“ gelandet ist.

Rote Haare, das ist unverkennbar ein Markenzeichen Toris! Wie Tori Amos als Mitglied von Y Kant Tori Read damals aussah, ist zum Teil nicht sehr verwunderlich. Hey, es sind die 80er, sie war noch auf der Mainstream-Seite des Musikgeschäfts angesiedelt. Man erkennt ihr Gesicht zumindest wieder, ihre Haare, wenn auch sehr kraus gestylet, ihre damals schon kraftvolle Stimme, ihr Talent als Sängerin und Pianistin.

Aber im direkten Vergleich mit den Solokarriere-Videos, wie z.B. dem acht Jahre jüngeren und überaus anspruchsvoll wirkenden Kunst-Musikvideo zum „Professional Widow“-Remix (vor dem ich, wie weiter oben erwähnt, früher als Kind Angst hatte) wirkt sie wie ausgewechselt.

Was sie in „The Big Picture“ – gar nicht mal so schlecht, denn ihre Stimme „rettet“ den Song – anhatte, ist schon sehr erstaunlich: ein bauchfreies Top, eine eng anliegende Lederhose, ein Negligé!!! Und wie sie mit letzterem Kleidungsteil so dasteht und Klavier spielt, während sie ihren linken Fuß an der Klaviatur abstützt und ihre Beine übersexy anwinkelt, ist unfassbar lustig. aber ihr Körper (von damals, selbst von heute) ist auch total dafür geschaffen, in a way. Würde die Tori von heute noch auf diese aufreizende Art herumklimpern? Ja, aber mit mehr Würde!

Und ich bleibe dabei. Tori Amos gilt trotz großer Gay-Fanbase für viele Menschen als MILF. Habe ich nicht recht, VULTURE und Spinner? 😉

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17.08.11 19:56

Liebster A-ton,

wie gesagt, kann ich ihre MILF-Hypothese von meinen Konzertbesuchen nicht bestätigen. Was ich aber bestätigen kann ist, dass sie immer noch sehr aufreizend am Flügel, besser gesagt zwischen ihren Klaviaturen sitzt. Am geilsten finde ich, wenn sie sowohl links und rechts spielt und den Körper dem Publikum zuwendet. Was den Klamottengeschmack anbetrifft gilt sie bei den meisten Schwulen als schlecht angezogen. Ich erinnere mich an ein Sackkleid in unmöglichen Farbn, das einen unmöglichen, faltigen Ausschnitt hatte, sodaß sie drunter was hautfarbenes tragen musste.

Es gibt eine eiserne Regel bei Tori Amos Konzerten. Die Leute sitzen meist, den Großteil des Konzerts über aber dann gibt es einen Punkt, so gegen Ende, wo alle nach vorne zur Bühne strömen. Ich hatte einmal das Glück dabei besonders schnell und naja groß zu sein, dass ich ihr sozusagen direkt auf die Schuhe blicken konnte, quasi Greifweite. Ich glaube ich habe noch nie in meinem Leben solch hässliche Schuhe gesehen. Grün, mit Plateau und geschätzten 20cm Absatz. Und wie man ein Konzert komplett in diesen Schuhen absolvieren kann, ein Wunder!!!! Also sie klimpert immer noch ziemlich schräg und aufreizend sexa, wie selbst ich finde. Aber ihre Frisur und Klamotten sind auch heute manchmal kaum zum aushalten.

Noch kurz zur Nachfolge von Tori: Ich sehe da eher Joanna Newsom, Esperanza Spalding oder auch Anna Calvi. Zum einen, weil die einen absolut eigenen, ungewöhnlichen Stil haben und vielleicht auch weil alle drei ein bestimmtes Instrument im Vordergrund haben. Bei Newsom ist es die Harfe, bei Spalding der Kontrabass und bei Calvi die E-Gitarre.

Hier eines meiner Lieblingsvideos von der Tori, das einem auch irgendwie Angst machen kann, Adrien Brody Fans aufgepasst:

…und natürlich noch das Video zu 1000 Oceans, einer meiner Lieblingsballaden von ihr…

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18.08.2011, 15:47

Tach, lieber O-Ton,

„A Sorta Fairytale“, immer gut und schön! Adrien Brody ist auch sehr glaubwürdig in seiner Rolle.

Ja, Toris Exaltiertheit am Klavier auf Konzerten ist schon legendär. Ich habe sie bisher noch nie live gesehen, aber das, was man im Fernsehen in Performance-Ausschnitten oder auf Youtube und Konsorten sehen kann, ist schon geil. Ihre physischen Piano-Begleiterscheinungen sehen auch irgendwie nicht so peinlich aus wie beim Jazzpopper Jamie Cullum.

Ach ja, die queere Stilpolizei ist wieder im Einsatz. Abgesehen davon, dass es noch schlimmere kleidungstechnische Stilverbrecherinnen gibt wie Debbie Harry, finde ich, dass man/frau als Musikmensch und Performer so einiges darf. Ich fand den „sleazy style“ der 90er (wirres ungeglättetes Schweißhaar, Tanktop) hätte beibehalten sollen. Fand ich von der Attitüde her auch interessanter. Aber dennoch sieht sie gesichtsmäßig mit Ende 40 noch sehr gut aus, so ist sie halt, unsere rothaarige MILF mit den vielen Gay-Fans!

20cm-Absätze? Sky Heels! Ich muss gerade schon wieder an Lady Gaga denken, die hat diese ja quasi von der Haute Couture in den Mainstream geholt, auch wenn die kein Ottonormal-Mensch tragen würde. Warum assoziiere ich nur jeden möglichen Scheiß mit Frau Germanotta? Habe übrigens heute endlich das brandneue Musikvideo zu „Yoü and I“ gesehen und finde es natürlich gut!

Amos-Nachfolge? Amos Lee natürlich! Nein, Scherz. Was Piano-Performances angeht, hat die eben erwähnte Frau Gaga schon Amos’sche Züge an sich. Ansonsten. Joanna Newsom, Anna Calvi und Esperanza Spalding sind alles wunderschöne und überaus talentierte Musikerinnen, aber alle für sich genommen viel zu unterschiedlich vom Image und von den charakteristischen Instrumenten her, um solch einen Stammplatz im Musikbusiness zu beerben. Sind ja auch im Gegensatz zu Tori Amos „indie“.

Nicht unbedingt weniger „indie-mäßig“, aber immerhin viel weniger unterkühlt als Newsom/Calvi/Spalding, ist für mich Regina Spektor. Gerade wegen des Klavierspielens! Aber sie ist schon braver als Tori. Oder Fiona Apple noch immer, auch wenn sie sich immer so rar macht (im Gegensatz zu Tori). Individualistischer in Sachen Kleidung und Auftreten hingegen, aber mit keinem bestimmten Instrument wirklich präsent, ist Sia.

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