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Pop/Indie/Kultur/Diskurs

Foornographic!!!

Lieber Herr O-Ton,

es geht heute wieder um „queer ears“, bzw. diesmal auch um „queer eyes“. Ich nehme mal an, du hörst die Musik der Foo Fighters nicht sooo oft (ich tue es auch nicht), und du kennst dieses Video, außer du liest regelmäßig Stereogum (SPOILER ALERT!), hier unten noch nicht. Was würdest du wohl erwarten?

Parallelgedanke: puh, wenn schon die Foo Fighters so blank ziehen, was muss das bloß ein heißer August sein, den wir nur noch 1 1/2 Tage erleben werden? Homoerotischer war in Sachen Musik heuer noch kein Monat: der boyishe James Blake bandelt in „Fall Creek Boys Choir“ mit dem bär(t)igen Justin Vernon von Bon Iver an (meine heimlichen Fantasien wurden, zumindest musikalisch, erfüllt). Dessen Kollaborations-Kollege Kanye West macht seine Bromance mit Jay-Z öffentlich, in Form des gar nicht mal so ungelungenen Rap-Duett-Albums Watch the Throne (2011). Und Lady Gaga wird zum Drag King Jo Calderone und wollte als solcher bei den MTV Video Music Awards 2011 (vergangenen Sonntag) Britney Spears an die Wäsche…

Okay, ich muss erst einmal vorwegnehmen, dass dieser untere Clip namens „Hot Buns“ fake ist. Und dennoch frage ich dich, wofür werden die nackten vier Foo Fighters + der angezogene Ex-und-Wieder-Bassist Pat Smear am Ende werben? Oh, Nate Mendel…! Oh, Chris Shiflett…! 😉

Ich wette, die Besucherzahlen für unseren Blog werden ab sofort in die Höhe schnellen. 😀

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Lieber Herr A-Ton,

wie Du bereits richtig erwähnt hast höre ich die Musik der Foo Fighters tatsächlich nicht sooooo oft. Obwohl ich ja kein Verächter der etwas härteren Kost bin. Klar, die Zeit, die meinen Musikgeschmack geprägt hat begann mit Metallica und Konsorten, die dann von Nirvana abgelöst wurden. Heute fällt einem da die Unterscheidung zwischen Rock und Hardrock (…oder Metal) schwer, da viele Bands zwar harte Gitarren einsetzen, aber durchaus melodiösere und intelligentere Songs spielen. Das hatte wohl der Glamrock zuerst ausprobiert, der damals ja auch einen gewissen Sexappeal hatte. Heute dürfen die Jungs aber gerne wieder etwas kerniger sein. Nicht zuletzt, weil man ja auch die queer ears (eyes) erreichen möchte.

Wenn ich so drüber nachdenke scheine ich aber auf diesem Auge blind zu sein, nicht, weil ich die Foo Fighters nicht so sexy finde, sondern weil ich selten ein Bild zu den Musikern im Kopf habe. Klar früher, da fand ich Marky Mark endgeil und wegen Tony von East 17 hab ich mir sogar mal Löckchen machen lassen (uups, sowas sollte man eigentlich im Anekdotenschrank lassen…) Heute spielt das Aussehen für mich keine Rolle mehr. Ob das daran liegt, weil im Folk nur bärtige Männer vertreten sind…?

Aber um beim Thema Sex zu bleiben. Hier meine Top 5 „Musk beim Sex“

  1. Guru Jazzmatazz Volume 1
  2. Keith Jarrett,The Köln Concert
  3. The Necks, Sex
  4. Neil Young, Dead Man (Soundtrack)
  5. Sigur Ros, ( )

Und Ihre Top 5?

Als Schmankerl noch ein witziges Video von den finnischen The Crash, die dem Glamrock schon vor Mika zu einem Revival verhalfen! Bitteschööön:

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02.09.2011, 22:26

Hallo, lieber O-Ton,

super Thema: „Musik und Sex(yness)“. 🙂

Dennoch, ich komme mir gerade so oberflächlich, unerfahren und pervers vor, weil du gesagt hast, dass das Aussehen bei dir heutzutage keine Rolle mehr spiele beim Anhören von Musik gewisser Bands. Denn ich habe durchaus oft ein Bild im Kopf, wenn ich mir gewisse Songs mit Stimme anhöre. Auch bei Musik mit Sängerinnen. Geht aber meist eher nicht um das Sexuelle, sondern um das Gesamtpaket, das Multimediale, Mehrsinnliche und so.

Glamrocker fand ich noch nie wirklich sexy, weil ich nicht auf Plateauschuhe, rot gefärbte Haare, Trichterhosen oder sonstige Androgynismen stehe. Ansonsten finde ich dennoch viele übermännliche (Hard)Rocker und Metaller nicht zwangsläufig attraktiv. Gibt natürlich Ausnahmen. Allen Blickle, kurzhaariger Schlagzeuger der Progressive-Metal-Band Baroness. Und Brian Fallon, Sänger und Gitarrist von The Gaslight Anthem….uuuuh!

Und viele Folker sehen aus wie verwilderte Waldschraten, und einen Fetisch für den personifizierten Almöhi Jr. habe ich demnach auch nicht. Kann aber sein, dass manche Menschen auf Sam Beam (Iron & Wine) oder Robin Pecknold (Fleet Foxes-Sänger) stehen. Die sind mir irgendwie zu langweilig und eskapistisch, irgendwie verschroben, und doch zu harmlos, weil asexuell wirkend. Hacken lieber Holz. Gut, es gibt da eine Ausnahme, aber dieser hat sich ja mittlerweile zum Indie-Darling entwickelt: bei den Augen von Justin Vernon, Bon Iver, werde ich IMMER schwach!

Bei meinem ersten Mal lief Rosenstolz. Furchtbar. Beim letzten Mal lief der Soundtrack zu Good Night & Good Luck. Viel besser! Aber am liebsten möchte ich keine Frauenstimmen hören, wenn ich mit jemandem schlafe. Das fühlt sich fast so an, als würde man gerade einen Dreier mit Beth Gibbons (nichts gegen ihre fabelhafte Musik) oder, igitt, Barbra Streisand schieben. Weil ich mir ja nicht selten das Aussehen der SängerInnen mit zum Hörgenuss vorstelle. Nee, bitte nur Männerstimmen, wenn möglich auch mit erotisierendem Soul-Schmelz in der Stimme:

Meine TOP5 der besten Musik beim Sex (noch nicht ausprobiert):

1) James Blake – James Blake
2) The National – High Violet
3) D’Angelo – Voodoo
4) Washed Out – Within & Without
5) Spoon – Gimme Fiction

Oder Alben von Raphael (für Frankophile), My Morning Jacket, Blood Orange, Interpol, Caribou, The Afghan Whigs (für schroffere Momente) und The Jesus and Mary Chain („Just Like Honey“, of course). „Catch & Release“ von Silversun Pickups soll auch sehr sexy klingen. Destroyer, wenn man seine kauzige Stimme ertragen kann, Wild Beasts‘ aktuelles Album, wenn die polarisierenden Stimmen der Sänger nichts ausmachen. Wer Musik mit Frauensstimmen dennoch nicht abgeneigt ist, fährt mit Res, Anna Calvi, Hope Sandoval (Massive Attack mit „Paradise Circus“) oder Cat Power ziemlich gut, denke ich.

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Lieber Herr A-Ton,

warum gefällt uns Musik? Was muss ein Musiktitel haben, um sich in unserern Ohren festzusetzen und danach zu verlangen noch mal gehört werden zu wollen?

Nicht selten sind es ja eben keine Töne, die unseren ersten Einsruck von einem Titel bestimmen, sondern Bilder auf Covern, Texte von Rezenseionen oder einfach Vorstellungen, die man hat, wenn man einen Bandnamen oder einen Songtitel hört. Es passiert einem ja immer seltener, dass man auf Sachen im Radio oder Fernsehen stößt, wo man direkt über das Hören Bekanntschaft mit einem Lied schliesst. Vielleicht gibt es das noch in der Disko oder in Klubs, im Café oder so. Aber wir beide wissen, es wird selten mal was gespielt, was man nicht schon kennt, was wir nicht schon kennen. Das LastFM Empfehlungsradio könnte so eine letzte Enklave des unmittelbaren Erstkontakts sein.

Also wir bekommen ein Gefühl für einen Song, bevor wir ihn gehört haben, vielleicht sogar eine Erwartung. Beim ersten Hören selbst bin ich meist ganz emotional, ob mir was gefällt hängt von meiner Stimmung ab und von meinen Erwartungen. Wenn mir dann mal was gefällt und ich es häufiger hören möchte, mache ich mir oft Gedanken über die Musikdramaturgie des Stückes. Denn oft gefallen mir Stücke, die einen bestimmten Spannungsbogen, die hin und her springen in den Tonarten und die mich somit emotional mitnehmen.

Was in der Klassik schon lange praktiziert wird, hat in der Pop- und Rockmusik nur vereinzelt Einzug gehalten und das einzige Drama das sich oft abspielte lag im Warten auf den Drumbreak. Aber je mehr Spannung und Drama ein Song hat, desto mehr gefällt er mir. Bin ich eine Drama Queen und gehört das in die Abteilung Queer Ear? Man spricht ja auch beim Eurovision Song Contest gerne von dem beliebten Keychange als Vorrausetzung für den Sieg. Aber zu einfach sollte das Drama dann für mich auch nicht sein. Daher hier ein klassisches Beispiel: Janaceks Sinfonietta (hier der letzte Satz)

Das Stück kenne ich seit über 12 Jahren und ich höre es immer wieder. Und immer wieder bekomme ich eine Gänsehaut. Es birst fast vor Spannung und gewährt immer nur eine kurze Erlösung, bevor ein anderes Instrument übernimmt. Drama at its best. Weitere Beispiele sollen folgen.

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29.08.2011, 14:45

Lieber Herr O-Ton,

du hast Recht: in Zeiten von non-existenten Musiksendern (ich bin mit MTVIVA aufgewachsen) und schwindenden interessanten Radioprogrammen mit guter Musik (ich bin mit dem geschmacklich zweifelhaften Sender SWR3 aufgewachsen) hört man selten einfach nur ganz unschuldig ein Lied. Man hört sich kaum noch aus Neugier und ohne Vorinformationen bewusst einen Song eines/-r unbekannten Künstlers/-rin/Band an. Und meistens trifft man bei der Auswahl von zu spielender Musik unbewusst schon Vorentscheidungen aufgrund verschiedenster Kriterien, die oftmals nicht unbedingt direkt mit der Musik zu tun haben.

Zum Beispiel:
– Ein schöner oder interessanter Band-/Künstlername: Dear Reader, Melody Gardot, Jackie-O Motherfucker, usw.
– Ein bestimmtes ansprechendes Cover: z.B. die berühmten Artworks von The Beatles, Nirvana, Arctic Monkeys
– Ein tolles Musikvideo: z.B. „Here It Goes Again” (OK Go), „Rabbit in your Headlights“ (UNKLE feat. Thom Yorke)
– Ein auf Pressefotos erkennbarer subtiler oder forcierter Sex-Appeal, der nicht unwesentlich ist: z.B. Toro Y Moi (subtil), Katy Perry (forciert), Joanna Newsom (früher subtil, heutzutage forciert)
– Ein bestimmtes (von den Medien geformtes) Image: good girl Taylor Swift, bad boy Tyler, the Creator, usw.
– Genre-Zuweisungen: z.B. James Blake als Poster-Boy des Post-Dubstep
– Oder biografische Eckdaten wie „wurde von David Bowie gelobt“, „hat als Maler gearbeitet“, „ist offen schwul/lesbisch/bisexuell“ (s. Jay-Brannan-Post).

Zum Drama-Faktor: oh, ja, Gänsehaut durch das Hören von Musik ist etwas ganz Besonderes, und diese bekomme ich dann immer…
– …wenn ein leiser Abschnitt eines Songs plötzlich laut wird, oder andersherum: so geschehen bei „Age of Adz“ (Sufjan Stevens), „You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire“ (Queens of the Stone Age).
– …wenn in der Trackabfolge eines Albums nach vielen Up- und Mid-Tempo-Nummern plötzlich ein ruhiger und/oder minimalistischer Song folgt: z.B. „Codex“ (Radiohead), „Take the Box“ (Amy Winehouse), „Open Up Your Heart“ (The Rapture).
– …wenn tatsächlich ein wunderschöner Spannungsbogen innerhalb eines Songs oder einer Komposition nachzuvollziehen ist: „Hooting & Howling“ (Wild Beasts), „Auf Achse“ (Franz Ferdinand), „Hunter“ (Björk).
– …wenn Pop-/Indie-Rock-/Rap-/Soul-Songs so gefühlslandschaftlich großräumig, dramatisch, vielschichtig und reich orchestriert klingen, ohne dass sie gleich als Klassik-Flirt oder Ambient-Nachahmung gelten: „Femme Fetale“ (Aloe Blacc), „All of the Lights“ (Kanye West), „Diamonds Are Forever“ (Shirley Bassey).
– …wenn eine Stimme außergewöhnlich unter die Haut geht, sei es, weil sie so einzigartig klingt, so unfassbar sinnlich oder so grandios geschult ist: Scott Matthew in „For Dick“, Sivert Høyem in „Hands Up – I Love You“ (Madrugada), Anna Calvi in „No More Words“, nochmal Shirley Bassey in „Feelings“.
– …wenn ein bestimmter Knopf, der Knopf der Melancholie, gedrückt wird, weil der richtige Ton getroffen wurde, oder, wenn man so gerührt ist, dass man Tränen vergießen muss, ohne zu wissen, was diese wirklich ausgelöst hat: „Compass“ (Jamie Lidell), „Someone Like You“ (Adele), „Friend of Ours“ (Elbow).

Habe das Video zur „Sinfonietta“ noch nicht gesehen, wird aber nachgeholt…

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Lieber Herr O-Ton,

ich möchte auf meinen Solo-Blog „The Amazing Sounds of Orgy“ verweisen, auf dem ich den ersten Teil dieses Artikel veröffentlicht habe. Hier kann angeklickt werden.

[…]

Wie sehr ist man „Hipster“? Ich hoffe, ich bin es nicht zu sehr, will nicht so gelten. Die Hipster-Kultur ist an sich aber schwer zu differenzieren, gerade wenn man einerseits nicht (klamottentechnisch), andererseits dann doch irgendwie mittendrin steckt. Das macht sich bei meinen Abonnements der Indie-Blogs Pitchfork und Stereogum bemerkbar.

Die Widersprüchlichkeit und die Problematik der Dichotomien hip/uncool oder oberflächlich/tiefgängig ist brüchig, kulminiert aber vollends im grandiosen Musikvideo von Best Coast namens „Our Deal“.

Best Coast sind an sich typisches Indie-Blogmaterial, d.h. sehr „hip“. Ihr ungeschliffener Indie Pop mit Mädchengesang, der an die glorreichen Popmusikzeiten der 60er-Jahre erinnert, lässt Hipster-Herzen höherspringen, mich hingegen ließ ihr Debütalbum Crazy for You (2010) zum Anhören eher kalt. Warum? Ihr „Garage Pop“ oder „Surf Pop“ klang zu glatt und nett (die Melodien) und doch zu undeutlich und rauschend, um mich zu berühren.

Jetzt kommt aber Drew Barrymore in Spiel. Außer dass sie mal mit dem The-Strokes-Drummer zusammen war, galt die hauptberufliche Schauspielerin und Produzentin als eher nicht so indie-esque oder hip. Aber für Best Coast und dem auf dem ersten Blick eher unauffälligen Song „Our Deal“ drehte sie als Regisseurin das zugehörige Musikvideo. Und es ist…grandios!

Nicht nur in dieser Kollaboration von Hollywood-Star und Indiepop-Neulinge sind die Gesetze zur Trennung von Hipness und Uncoolness außer Kraft gesetzt. JungschauspielerInnen wie Chloë Moretz (weibliche Hauptrolle; Kick-Ass), Tyler Posey (männliche Hauptrolle; MTV-Serie Teen Wolf) und Miranda Cosgrove (bekannt aus Teenserien wie Drake & Josh oder iCarly) gelten als zu „uncool“ für Hipster-Verhältnisse, und spielen doch hier die zentralen Rollen.

Der erstaunlich klassische Plot des Videos, ach was, im Grunde dieses Kurzfilms, ist natürlich eine Referenz an West Side Story – damals ja auch ein unhipper Film über zwei engstirnige Hipster-Banden. Erinnert mich an Shakespeares Romeo und Julia: unhip. Die ausgewählten Retro-Klamotten und Spraying als Indikator für die Jetztzeit: hip. Das Sujet der Tragik der Liebe und die professionellen Kamerafahrten: wieder unhip.

Und das ist die Extended Version mit weiteren Albumtracks von Best Coast, z.B. „Boyfriend“:

Auch eher ungewöhnlich für Indie-Videos ist die hochglänzende Optik und die aufwändige Art Direction, was aber bei einer sonst stinkreichen Drew Barrymore dann doch nicht mehr so verwundert. Es ist aber scheißegal, wie teuer oder hip dieses Video geworden ist: es ist herausragend und hat sogar einen erzählerischen Twist am Ende. Meiner Meinung nach ist „Our Deal“ der bisherige Anwärter für das Musikvideo des Jahres. Was meinst du, lieber Herr O-Ton?

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27.08.11 13:46

Lieber Herr A-Ton,

was ist hip und wer sind die Hipster heutzutage? Ich selbst hatte nie viel mit solchen Bezeichnungen am Hut, hab mich nie zugehörig gefühlt zu irgeneiner Jugendbewegung. Ich sehe Gothic, Emo, Punk und wie sie alle heissen als Möglichkeit sich selbst Grenzen aufzuerlegen, damit die eigene Persönlichkeit möglichst klar abgesteckt ist. Damit kann man wunderbar Lebensphasen der Unsicherheit überleben. Mich wundert es immer nur, wenn man davon nicht mehr los kommt, aber es ist ja ein gewisser Konservatismus, in den man sich gemütlich zurücklegen kann. Es gibt ein Schönheitsideal, ein Lebenskonzept, eine Musikrichtung. Je freakiger das auch ist, es ist auch immer einseitig, kompromisslos, langweilig… konservativ eben.

Ich hab ja auch immer Schwierigkeiten mit den Musikrichtungen. Indie scheint ja nicht mehr independent zu bedeuten. Ist alternative nicht schon alles was von normalen Hörgewohnheiten abweicht, also eine Alternative oder ist alternative Musik, von Leuten gemacht, die alternative Lebenskonzepte haben? Was ist Folk? Mit folkloristischen Instrumenten gespielt, für das Volk, volkstümlich? Ich find das immer schwierig.

Ich find alles was hip ist schon ziemlich uncool 😛

Soviel zum Kulturdiskurs! Zum Video muss ich sagen, das bedient sich ja wirklich sehr an West Side Story, wie sie schon erwähnt haben. Manche Einstellung ist wirklich extrem ähnlich, selbst die Ästhetik und Klamotten sind sozusagen retro-retro-retro 50er und der Twist könnte auch aus der Zeit sein. Was Leonard Bernstein und Jerome Robbins mit ihrer Musik und den Bewegungen geschaffen haben, war vielleicht nicht hip, im Sinne der Hipster von damals, hat aber doch das Zeitgefühl auf den Kopf getroffen. Wohingegen das Video nur zitiert und noch nicht mal ordentliche Tanzeinlagen bietet. Vom Ganzen her aber ganz schön und wirklich aufwändig gemacht.

Shakespeare’s Romeo+Julia von Baz Luhrmann fand ich damals grandios, auch was die verwendete Musik anbelangte. Der Film hatte natürlich mehr Zeit als ein Musikvideo eine Geschichte zu entwickeln, hat aber wie ich finde einen ganz eigenen, zeitlosen Stil gefunden, der mir bei dem Video zu „Our Deal“ fehlt.

Übrigens: Bei Drew Barrymore und Retro-Musikvideo fiel mir direkt dieses Video hier ein:

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27.08.2011, 17:36

Lieber Herr O-Ton,

ich mache es mal ganz kurz.

Ich gehörte auch nie zu einer musikalischen Szene, war immer unabhängig von Cliquen. Am ehesten würde ich mich aber dem Indie-Umfeld zuschreiben, aber ich habe jetzt keinen festen Freundeskreis, der mit mir diese Art von Musik teilt.

Richtig, Musikgenres sind heutzutage für’n Arsch, weil man Musik von MusikerInnen, die sowieso von mehr als nur einem Genre beeinflusst sind, nicht in ein enges Korsett quetschen kann. Und Indie ist mittlerweile, um in der Metapher zu bleiben, wie das Korsett von Hella von Sinnen: nämlich ein weites Kleidungsstück, schwer zu definieren. Trotzdem ist dieses Korsett bei der groben Verortung von Musik nicht unhilfreich, um sich vor Schreckgespenstern wie Bon Jovi zu verstecken.

Ich habe selbst weder West Side Story noch Baz Luhrmans Romeo + Juliet gesehen, weiß aber über beide ganz gut Bescheid. Letztere Erwähnung von mir war eher auf die Literaturvorlage bezogen. Aber das Sujet der verbotenen Liebe hält ja bis heute an.

Den Film mit Hugh Grant und Drew Barrymore habe ich nur ansatzweise gesehen, fand die gesehenen Ausschnitte solala. Das Musikvideo nutzt sich nach einer Weile ab, finde ich. Beim ersten Mal: Hahaaaa! Beim fünften Mal: ach ja, kenn ich, hm….

Und geben wir „Our Deal“ von Best Coast doch noch ein wenig Zeit, damit sich das Video entfalten kann wie ein guter Wein. Vielleicht wird es ja doch zu einem zeitlosen audiovisuellen Ding. 🙂

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27.08.2011 23:57

Neee, also da haben Sie Recht Herr A-Ton,

das Video mit Hugh Grant sollte man auf keinen Fall öfter als drei Mal oder so konsumieren, dafür empfehle ich Ihnen aber doch die beiden erwähnten Filme (Nicht Music and Lyrics!) mal anzusehen. Beide in ihrer Zeit, meiner bescheidenen Meinung nach, großartig! Beide vereinen Popkultur und Klassik auf ganz unterschiedliche Weise.

Neulich hatte ich ein großes Label für einen ihrer neuen Künstler mit dem Prädikat Indie werben sehen. Das fand ich so dreist! Es gibt so viele unabhängge Künstler, die sich gegen die Vorgaben der Musikindustrie wehren und sich selbst durchkämpfen und dann geht so ein Label her und krallt sich diesen Begriff. Unverschämt, oder?

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31.08.2011, 17:01

Sehr geehrter, Herr O-Ton,

man könnte natürlich große Debatten lostreten, in denen es geht, was heutzutage, ab wann und wie „Indie“ ist und was/ab wann/wie nicht. Ich bin mir ja nie so ganz sicher, ob „Indie“ jemals überhaupt ein eigenständiges Genre (gewesen) ist, oder doch nur als eine ökonomische oder musikideologische Abgrenzung zu einem noch größere Welten umspannenden Musikstil namens Rock galt. Oder Pop. Wahrscheinlich ist die Berührungsangst vor „Ausverkauf“-Bezichtigungen bei Bands in den letzten Jahren allmählich gesunken.

Nehmen wir zum Beispiel Adele. Adele macht nicht gerade Indie-Rock-Musik, sondern Soul, der zwar auch rockig klingen kann, aber vor allem poppig und bluesig ist. Ganz sicher aber überraschend massentaugliche Erwachsenenmusik. Nimmt man demnach bei all den Nummer-eins-Platzierungen, Preis-Überhäufungen und lobenden Berichterstattungen mainstreamiger Presse, selbst in Deutschland, überhaupt wahr, dass sie bei einem Indie-Label ist, wenn auch bei einem ziemlich großen namens XL Recordings (Heimat von Radiohead und M.I.A.)? Selten bis gar nicht.

Und was ist mit James Blake? Macht semi-avantgardistischen und semi-revolutionären elektronischen Singer/Songwriter-Soul, der als Post-Dubstep gelabelt wurde, ist kommerziell kaum erfolgreich, wird von den Musikzeitschriften und Indie-Blogs umworben und von Musikhörern und Musikkennern kontrovers diskutiert. Und bei welcher Plattenfirma ist er? Wenn man von seinen gesangsloseren Singles und EPs wie CMYK (2010) oder „Order/Pan“ (2011) einmal absieht, ist er bei Universal!

Ich würde durchaus eine klassische und enge Definition von „Indie“ weiterhin befürworten: Alle Bands und Künstler machen Indie-Musik, die keiner der vier großen Major-Plattenfirmen (Sony, Universal, Warner, EMI) angehören oder von ihnen vertrieben werden, alles andere ist Pseudo-Indie oder Indie-esque. Das mit der Zweiwertigkeit ist bei Arcade Fire (City Slang/Universal) mittlerweile der Fall: in Deutschland beim höchstens mittelgroßen Indie-Label „City Slang“ unter Vertrag, aber von Universal vertrieben. Ergo: Arcade Fire sind NICHT Indie.

Wir sind uns aber bestimmt einig, dass der Begriff „Indie“ nicht nur sehr unscharf – wie so ziemlich die meisten musikalischen Kategorien – ist, sondern auch leblos und ausgehöhlt zu sein scheint. Demnach überrascht mich die von dir erwähnte Unverschämtheit des Majors gar nicht mehr so sehr. Ich frage mich gerade, welche Plattenfirma welchen Künstler zuletzt als „Indie“ bezeichnet hat, was ja heutzutage leider kein Einzelfall darstellt. Wer war es denn, lieber O-Ton?

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