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Meilenstein oder Fußnote?

Meilenstein oder Fußnote, Gedanken zu Serge Gainsbourg’s Histoire de Melody Nelson

Sehr geehrter Herr A-Ton,

das 1971 erschienene Konzeptalbum von Serge Gainsbourg erzählt eine Geschichte, wie das Konzeptalben so an sich haben. Die Geschichte handelt von einem mittelaten Mann, Serge Gainsbourg selbst, und einem knapp 15-jährigen Mädchen, Melody Nelson. Es zählt als eines der wichtigsten Alben Gainsbourgs, welches die Musik von vielen nachfolgenden Künstlern beeinflusst haben soll. Man muss dazu sagen, dass die Orchester und Chor Arrangements, die bei dem Album eine wichtige Rolle spielen, aus der Feder von Jean-Claude Vannier stammen. Es ist gerade mal 26 Minuten lang mit seinen 7 Tracks und weist eigentlich kaum eine klassische Songstruktur auf.

Das Ganze ist schon eine sehr ungewöhnliche Reise, denn das Album vermittelt sehr viel Atmosphäre, auch wenn man nicht des Französischen mächtig ist. Serge Gainsbourg erzählt mit seiner Stimme mehr als das er singt und obwohl das Wort Melody ständig vorkommt, vermisst man eine wiederkehrende Melodie eigentlich gänzlich. Aber das macht nichts. Die Instrumentalisierung ist so genial, dass sie einen durch das gesamte Album trägt. Die leichten Gitarren und Drums, der locker gespielte Bass hören sich immer mehr nach einer Jamsession an, schaffen es aber trotzdem mal dramatisch, mal unheimlich, mal fröhlich zu sein und so die Stimme von Serge stützen. Das wird immer mal wieder unterstützt von Orchester und Chor, oder manchmal auch nur von einer einzelnen Trompete oder einem Klavier.

Beim Hören bekommt man sofort ein französisches (Lebens-)Gefühl und hat Filme von Truffault oder (ich besonders) Éric Rohmer im Kopf. Ich mag die Leichtigkeit der Musik, die Stimme von Serge Gainsbourg, die Geigen und das alles auch heute noch ganz und gar aussergewöhnlich klingt. Die Videos sollte man sich allerdings nicht ansehen 😉

Für mich auf jeden Fall ein Meilenstein, auch heute noch!

 

 

 

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Sehr geehrter Herr O-Ton,

ich möchte zusammen mit dir eine neue Rubrik für unseren Blog hier eröffnen, dessen Thematik mich schon immer gereizt hat: „Meilenstein oder Fußnote?“. Das heißt, werden musikalische Klassiker verdientermaßen so sehr umjubelt wie sonst nur die Sieben Weltwunder? Oder sind angebliche Meilensteine wie Pet Sounds (1966) eher heillos überbewertet?

Es ist doch so: die Popmusik von Heute kann in der professionellen Bewertung von Alben an für sich nicht mehr alleine existieren. Denn geschätzte 95% der Plattenbesprechungen von Musikkritikern zaubern mindestens eine Referenzplatte eines großen Künstlers oder einer ehrenvollen Band aus dem Hut hervor, da jener Autor (die Autorin) ach so eine schlaue coole Sau mit großem Plattenschrank ist und ja auch sooo toll bewandert ist in der Popgeschichte. Der oder gemeine Rezensionenleser kann jedoch nicht immer sofort etwas mit dem Vergleichswerk anfangen, da entweder dessen Synapsen nicht so schnell umschalten können vom einen zum anderen, oder es schlicht an Hörgelegenheiten des in den Mund gelegten „Klassikers“ fehlt.

Und es ist ja schön und gut, wenn ein Album von vielen Menschen das Prädikat „besonders wertvoll“ erlangt, auch dann noch, wenn es vielleicht mehr als dreißig Jahre auf dem Buckel hat. Aber war früher wirklich alles besser? Oder ist diese ganze Meilenstein-Meißelung eine zu subjektive Angelegenheit, um die gleiche Meinung zu vertreten und vertreten zu müssen?

Muss man nicht eine Platte besonders dann hinterfragen, wenn diese dauernd in den Allzeit-Bestenlisten landet? Denn ist da nicht etwas faul dran, eine Lobby konservativer männlicher Cognac-Schwenker mit writing skills und vorhandenem Musikwissen der letzten 60 Jahre Schuld daran, dass sie ihre „geliebten Kinder“ immer oben sehen wollen, die mittlerweile längst ausgewachsen sind? Also dass ständig Platten von Bob Dylan, The Beatles, The Velvet Underground, The Clash oder The Smiths ganz oben auf den Listen landen?

Oder bin ich einfach zu jung (Jahrgang 1987), um mich in die Angelegenheiten der Älteren einmischen zu wollen, da ich das Aufkommen dieser Alben praktisch nicht hätte miterleben können? Um meine letzte Frage selbst zu beantworten: nein, ich denke, Mitreden muss sein. Es geht mir nicht darum, rebellisch zu sein, um rebellisch zu wirken, sondern darum, sich von musikgeschmacklichen Auferlegungen der altbewährten Meinungsmacher (z.B. Autoren und Redakteure der deutschen Rolling Stone) freizuschwimmen. Denn wenn die Gegenwart – also Alben von Bands und Künstlern der heutigen Zeit – dauernd mit der Vergangenheit verglichen wird (s.o.), dann sollte das andersherum auch erlaubt sein.

Nicht alle sogenannten Klassiker sind zeitlos oder perfekt, manche klingen in meinen Ohren eher verjährt oder nicht rundum gelungen, und das liegt bestimmt nicht (nur) daran, dass sich die Musikaufnahme-Techniken oder die Hörgewohnheiten heutzutage verändert haben. Ich z.B. liebe von den Beatles deren „Opus Magnum“ Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967), aber war dann doch von manchen Lückenfüllern auf dessen Vorgänger Revolver (1966) enttäuscht, auch ein Klassiker. Bruce Springsteens Born to Run (1975) mochte ich sehr, Brian Enos Another Green World (ebenfalls 1975) fand ich hingegen zum Einschlafen.

Lieber Herr O-Ton, würdest du mir bei manchen Sachen zustimmen? Und wäre es dir Recht, wenn wir pro Blogeintrag einen „Meilenstein“ herauspicken und es im Diskurs nach subjektivem Hörgenuss und eventuell anderen Faktoren wie damaliger und heutiger Relevanz untersuchen?

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19.09.2010 18:07

Lieber Herr A-Ton,

ich bin grundsätzlich begeistert von der Idee hier einige Meilensteine der Musikgeschichte vorzustellen und neu zu rezensieren. Auch für mich mal ein Grund, in den Archiven zu stöbern und altes Neues oder neues Altes zu entdecken. Es fehlt mir doch viel von den sogenannten Klassikern und ich bin immer wieder erstaunt wieviele davon als Vergleich herhalten müssen. Auch innerhalb der letzten 20-30 Jahre enstandene Alben kommen da immer wieder dran und wie schnell ist man bei der Beschreibung von Alben selbst um Vergleiche bemüht, um es dem Gegenüber möglichst einfach zu machen. Ob das vielleicht auch etwas damit zu tun hat, dass die Grenzen zwischen den Stilrichtungen doch arg verwischt sind oder sich verschoben haben?

Was als Meilenstein gesehen wird, muss aber auch im geschichtlichen Kontext gesehen werden. War die Musik wirklich so neu, so anders? Oder war es einfach das erste Album, dass auch kommerziellen Erfolg hatte? Hat es wirklich einen Stil geprägt, zumindest für sich oder den Künstler? Welche Wurzeln werden geschlagen, welche Regeln gebrochen, welche Bewegungen waren ausschlaggebend? In meinen Rezensionen wird das bestimmt eine Rolle spielen. Liegt wohl an meinem historisch-philosophischen Background.

Ich bin gespannt wie die Serie los geht. Habe im Zug nach Paris auf jeden Fall schon mal Serge Gainsbourgh, Histoire de Melody Nelson gehört… Darüber werde ich dann wohl als erstes schreiben. Und sie?