Archiv

Allgemein

Sehr geehrter Herr O-Ton,

es gibt wohl keine Musik-Preisverleihung, die ich mit mehr Spannung erwarte als den Mercury Prize. Statt der Auszeichnung für die erfolgreichsten Künstler/Bands/Alben wie beim beschissenen Echo-Preis geht es hier um die Belohnung für musikalische Qualität, fernab von kommerziellen Gesichtspunkten. Und auch nicht immer gewinnt der oder die Berühmteste aus der Shortlist, sondern oft ein Newcomer. BEISPIELE – 1994: M People statt Pulp, 1997: Roni Size/Reprazent statt Radiohead, 1998: Gomez statt Massive Attack, 2003: Dizzee Rascal statt Radiohead.

Die Briten und Iren zeichnen das wirklich „beste“ Album eines britischen oder irischen Acts eines Jahres aus (Zeitraum der Veröffentlichung, gültig für eine Nominierung: ca. Juli 2010 bis Juni 2011). Zwölf Kandidaten sind es immer, nicht immer ist der Gewinner nachvollziehbar (z.B. 1994 M People, 1999 Talvin Singh), aber oft ein verdienterer als einer bei den Brit Awards. Ich halte diesen Post erstmal kurz und stelle nur die Liste der zwölf Nominierten Künstler herunter.

1 ) Adele – 21 (2011)
2 ) Anna Calvi – Anna Calvi (2011)
3 ) Elbow – build a rocket boys! (2011)
4 ) Everything Everything – Man Alive (2010)
5 ) Ghostpoet – Peanut Butter Blues & Melancholy Jam (2011)
6 ) Gwilym Simcock – Good Days at Schloss Elmau (2011)
7 ) James Blake – James Blake (2011)
8 ) Katy B – On a Mission (2011)
9 ) King Creosote & Jon Hopkins – Diamond Mine (2011)
10 ) Metronomy – The English Riviera (2011)
11 ) PJ Harvey – Let England Shake (2011)
12 ) Tinie Tempah – Disc-Overy (2010)

Am 6.September 2011 wird der Gewinner oder die Gewinnerin verkündet. Wer, meinst du, wird gewinnen? Wer, auch dein Tipp, sollte verdientermaßen gewinnen, lieber Mr. O-Ton?

———————————–

11.08.2011 18:05

Sehr geehrter Herr A-Ton,

vielen Dank für die Liste, wird in den nächsten Tagen (Wochen?) abgearbeitet, sprich durch gehört und dann kommentiert! Im Moment kenne ich nur ca. die Hälfte…

———————————–

12.08.2011 23:15

Sehr geehrter Herr O-Ton,

als kleine Hilfestellung könnte ich ja die eher weniger bekannten Artists hier näher erläutern.

Zum Beispiel, dass der Gwilym Simcock ein eher unbekannter britischer junger Jazz-Pianist ist, der nur mit seinem Klavier auskommen kann und die Balance zwischen Anspruch und Nebenbei-Genuss halten kann. Naja, die Instrumentalmusik klingt schon eher hintergrundmusikmäßig, aber es ist kein ausschließlich geschmäcklerischer Bar-Jazz. Ist aber auch nicht gerade Freejazz oder Miles Davis, aber egal.

King Creosote ist ein singender und songwritender Indie-Folker aus Schottland, der mit dem Electronica-Musiker Jon Hopkins zusammengearbeitet hat. Das Album hat wohlwollende Kritiken erhalten, ich habe es selber noch nicht gehört. Ich würde es mir nur ungerne anhören, denn ch bin nicht so der Folk-Hörer. Gibt aber Ausnahmen.

Und Ghostpoet ist Sänger und Producer aus England, heißt eigentlich Obaro Ejimiwe und hat ein Album mit krudem Titel herausgebracht, das aber ebenso von ein paar Kritikern gelobt wurde. Musikalisch lässt sich die Platte als HipHop-Scheibe mit experimentellem Zugang und alternativem Ausgang beschreiben. Herr O-Ton, du hast das Album ja mit The Streets verglichen, was die Vocals anging. Ich nehme den anspruchsvollen Rapper Saul Williams als Vergleichsobjekt.

Die anderen neun Künstler müsstest du eigentlich mehr oder weniger kennen, vielleicht auch die Elektro-Indie-Art-Rocker Everything Everything und der Grime-Electro-Hop-Rapper Tinie Tempah. Viel Spaß beim Hören. 🙂

———————————–

20.08.11 12:47

Hi Herr A-Ton,

nach 10 Tagen habe ich jetzt die Liste abgearbeitet sozusagen. Naja, ein paar der Sachen kannte ich schon, nämlich Adele, Anna Calvi, Elbow, Everything Everything, James Blake, Metronomy.

Ich bin ganz Deiner Meinung, dass hier Anna Calvi wirklich heraussticht. Vom Gesamtkonzept ist sie einfach am ausgreiftesten, am ungewöhnlichsten und am wenigsten angepasst. Sie vereint viele Stile und hat einen eigenen Ton gefunden, den sie hoffentlich in kommenden Alben ausbauen und vertiefen wird. ich hoffe auch, sie arbeitet bis dahin auch etwas an ihrer Stimme, die mir oft etwas dünn erscheint, gerade bei den Opernpassagen fehlt ein bisschen die Fülle oder eine eigene Charakteristik.

Ganz im Gegenteil dazu Adele, die manche Songs eben nur mit ihrer Stimme trägt und das gerade mal mir 21 Jahren. Für den Preis finde ich sie aber dann doch zu Mainstream, Amy McDonald- oder Duffy-haft. Elbow ist zwar gut, hat aber jetzt auch nichts neues gemacht und Everything Everything, das kommt mir shcon zu lange her vor, als dass die dieses Jahr noch einen Preis bekommen sollten. Ghostpoet finde ich zwar gut, ist aber nichts neues und alles in allem eher was für neben her, um nicht zu sagen ein bisschen langweilig. Aber manche Sound mag ich. Gwilym Simcock habe ich mir gestern ein paar Mal angehört. Hat mich jetzt nicht vom Hocker gerissen. In Sachen Solopiano hat man aber auch ein schweres Los. Im Prinzip gab es alles schon und Keith Jarrett hat da einfach Maßstäbe gesetzt, die man nicht studieren oder nachkomponieren kann. Und genauso hört sich Mr. Gwilym Simcock für mich an. James Blake, okay, der Mann hatte wirklich einen ungewöhnlichen Erfolg mit einer Musik, die nicht eingängig, untanzbar und schon gar nicht hitverdächtig ist. Für mich immer noch ein Wunder! ich hatte mal einen Bekannten, der in den 90ern mit dem Computer komische Musik und Geräusche gemacht hat, das war nur peinlich, aber irgendwie erinnert mich die Musik von James Blake an diesen Nerd. Obwohl ich sagen muss, dass sie mich fasziniert und ich immer noch auf der Suche nach dem mystischen Kern dieser Musik bin. Also durchaus ein Anwärter für mich! Katy B? Zu krachig! King Creosote & Jon Hopkins, ja, das ist was für mich und ich werde das Album bestimmt bald lieben. Für den Preis würde ich es aber nicht vorschlagen. Metronomy finde ich sehr schön und ich rege mich immer noch auf, dass ich das Konzert verpasst habe, aber auch hier gilt: Nichts Neues, kein eigener Einsatz, keine aussergewöhnlichen Stimmen. nur ein. zwei richtig gute Songs. mit PJ Harvey hatte ich, wie schon erwähnt, immer meine Probleme, aber ich denke, das neue Album könnte eine Chance bei mir haben. Ich finde oft ihre Stimme einfach zu punkig für die Musik, die sie macht. Tinie Tempah ist schön und macht Spaß, tolle Sounds und ich mag es, wenn manchmal ein bisschen Reggae mitschwingt. Trotzdem nix für einen solchen Preis.

Bin ich durch? Puh! Hat aber Spaß gemacht Nächstes Jahr an dieser Stelle, die Auswahl für den „A und O Preis“!? Was meinst Du A?

———————————–

20.08.2011, 22:04

Sehr geehrter Herr O-Ton,

sehr gerne würde ich mit dir einen „A-und-O-Preis“ einer Band oder einem/r Künstler/in widmen. Vielleicht kommen wir ja Ende des Jahres bei einer Auswertung der Musik von 2011 mal darauf…

Ansonsten stimme ich dir fast allen Meinungen und Argumenten zu allen 12 nominierten Mercury-Prize-Anwärtern zu:

Anna Calvi soll gewinnen! Stimme, Talent, Atmosphäre, Image, Persönlichkeit, Anspruch, Melodien, Abwechslung, Sexyness. She’s got it all! Außerdem wurde sie nie übermäßig gelobt. Mercury zeichnet gerne die nicht offensichtlichen Nominierten aus, um bewusst nicht in die Hypefalle zu treten (s. James Blake).

Adele, die mir ebenso zu erfolgreich ist für den Gewinn, klingt jedoch wenig nach Amy „überbiedere Lady-Gaga-Hasserin“ Macdonald und auch nicht nach Duffy. Viele Songs sind zu gut und einfach auch zu gut produziert fürs Radio.

Bei Elbow, Everything Everything und Gwilym Simcock stimme ich dir blind zu.

Wenn James Blake nicht so jung und gut aussähe, oder seine Stimme so sexy wäre, würde er komplett im Nerd-Sektor aufgehen und auch weniger Erfolg haben, meine These. Sein Album ist toll, in Sachen Innovation – Dubstep + Piano-Kammermusik + Soul – hätte er den Preis wirklich verdient! Allerdings er wurde einfach zu sehr gehypet von Presse und Blogosphäre…

Katy B und krachig? [A-Ton-UPDATE 21.08.2011, 18:02] Unsinn!!!!!!!!!! Naja, schon ein bisschen, aber „Broken Record“ hat schöne Momente. Die Single erinnert in den Strophen zwar ein wenig an aktuelle Ami-Trance-Tracks, hat aber viele melancholische Sounds im Refrain, die an klassischen Trip-Hop der 90er-Jahre erinnern. „Lights On“ mit der ehemaligen Mercury-Prize-Gewinnerin Ms. Dynamite (2002) als Feature ist cool! Empfehlenswert sind auch „Why You Always Here“, „Witches Brew“ und der letzte Track „Hard to Get“. Die Post-Dubstep-Frau wird aber auch nicht gewinnen, da sie ebenso chartsmäßig zu erfolgreich gewesen war. [Ende des Updates]

King Creosote und John Hopkins sind nicht so mein Fall. [A-Ton-Update: 21.08.2011, 16:45] Habe mir das Album schlimmer vorgestellt, ist nur etwas reizloser als das okaye/gute, aber insgesamt doch etwas enttäuschende build a rocket boys! (2011). Wobei jene Platte diesem mitnominierten Elbow-Album in Sachen Melancholie ähnelt, aber die Stimme hingegen sehr an Alexis „Hot Chip“ Taylor erinnert. [Ende des Updates]

Metronomy könnte den dritten Platz belegen nach Anna und James, wenn es einen dritten Platz geben würde für Mercury. Ansonsten ist das Album echt gut, nur, wie du schon sagtest, nicht innovativ genug gewesen, doch darum geht es ja bei den Gewinnern oft.

PJ Harvey hat schon sooo viel Lob erhalten für ihr Album. Es würde das Album nicht noch erfolgreicher oder besser machen. Außerdem hat sie eh schon einmal gewonnen, da ändert ihr Stilwechsel nichts an der simplen Tatsache. Es wäre unfair gegenüber den noch nicht Preis-behangenen Nominierten (außer für die 2008-Sieger Elbow). Das Album habe ich bis auf die Single „The Words That Maketh Murder“ übrigens eher nebenbei gehört.

Tinie Tempah findest du gut? Hast du Tomaten in den Ohren?! Oder noch nicht „Invincible“ mit Kelly Rowland oder die anderen Singles „Written in the Stars“ oder „Miami 2 Ibiza“ gehört? Schlimm! Und allein schon wegen des Albumcovers gehört er nachträglich vom Preis disqualifiziert. *kotz*

———————————–

Advertisements

Lieber Herr A-Ton,

in unserem vergangenen inoffiziellen Chat, ging es mitnichten um John Cage. Er war vielmehr Bestandteil einer locker zusammengetrommelten Truppe von Musikern mit queeren Background, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Diese Liste war für mich ein Anstoß über Schwule und Musik nachzudenken. Das hört sich jetzt vielleicht etwas weithergeholt an, aber was will man machen, wenn man schon John Cage hingeworfen bekommt und eigentlich keine Ahnung von dessen Musik hat. Ausserdem denke ich, passt das, als weiter zu führendes Thema für unser Protokoll, gut rein.

Nun gibt es ja Musik, die wird von Schwulen gemacht und auch gerne von Schwulen gehört: Im Pop-Bereich wären das z.B. Erasure, Pet Shop Boys, Rufus Wainwright; im Singer/Songwriter Genre hätten wir Scott Matthew, Christopher Dallman, Jay Brannan; Für die Alternative-Ecke würde ich Antony and the Johnson und The Hidden Cameras vorschlagen und im Elektronik Fach kenne ich Hercules and Love Affair. …to be continued Herr A-Ton!

Auf der anderen Seite haben wir Musik, die von Schwulen gehört wird, aber nicht primär von Schwulen gemacht wird. Die Beispiele erspare ich mir jetzt. Wobei! Warum lieben viele Schwule eigentlich aussergewöhnliche Frauen? Barbra Streisand, Joni Mitchell, Tori Amos, Kate Bush…

Als Schwuler muss ich dazu sagen, dass mir die Musik, die in schwulen Etablisements gespielt wird, oft nicht zusagt. Meist gibt es Remixes von 70er, 80er, 90er Hits zu hören oder eben das gleichförmige WummWummWumm, das nur manchmal einen Titel erahnen lässt. Eine weitere Form „schwuler Musik“? Das Konsumieren leicht verdaulicher Kost? Siehe ESC und die Schlagerbegeisterung in der Schwulengemeinde.

Es gibt aber natürlich auch Künstler, die zwar einen queeren Background haben, deren Musik sich aber keiner dieser Kategorien zuordnen lässt. Und dazu gehören eben John Cage oder Hans Werner Henze, Komponisten also, die sich mehr mit einer ästhetischen Form der Musik beschäftigt haben.

Das alles nur als Anstoss für einen Thread, Herr A-Ton, bitte!

Zu guter Letzt doch noch etwas zu John Cage, dass ich vor ein paar Tagen gelesen habe: Sein Stück Organ2/ASLSP wird in Halberstadt aufgeführt! Vielleicht ein schöner Tipp für einen Fieldtrip in Sachen Neuer Musik. Zeit hat man dafür noch genügend, denn die Aufführung dauert noch bis zum Jahre 2639 (Di-So 12-16Uhr, von APR bis OKT 11-17Uhr). Das John-Cage-Orgelprojekt wird nämlich as slow as possible gespielt und läuft schon seit 10 Jahren. Die Klangwechsel werden jeweils ausgiebig zelebriert, der letzte war am 5. August 2011. Ich fahr da auf jeden Fall mal hin!

http://www.john-cage.halberstadt.de/

 

07.08.2011, 14:44

Lieber Herr O-Ton,

klar ging es nicht explizit nur um John Cage in unserer letzten Konversation. Aber um den provokanten Titel dieses Posts etwas zu entkräften, muss ich erwähnen: und ob John Cage schwul war! Oder, sagen wir mal, er war erst eine Hete und dann wechselte er seine sexuelle Orientierung. Oder er war bisexuell, whatever. Denn zunächst war er mit einer gewissen Xenia Kashevaroff zehn Jahre lang verheiratet, lebte dann ganz lange bis zu seinem Tod in einer Beziehung mit dem Tänzer und Choreographen Merce Cunningham. Im Laufe der Zeit entfernte sich das Paar aber vom Beziehungsstatus der Monogamie und lebte mit dem Künstler Robert Rauschenberg ein Dreier-Verhältnis aus, im beruflichen wie im WG-mäßigen und zwischenmenschlichen Sinne.

Ich habe soeben „4’33″“ von Cage gehört. Ganz schön spannend, diese Stille. 😀 Ist eher Kunst als Musik, aber darauf zielen seine Stücke ja auch sicherlich ab. Abgesehen davon fände ich einen Ausflug nach Halberstadt, evtl. mit dir, lieber Mr. O-Ton, zu seinem Langzeitprojekt sehr interessant, das würde meinen musikalischen Horizont durchaus erweitern. 🙂

Nun zu einem eher beschränkten Horizont. Der „schwule Mainstream“, falls es so einen gibt, hat – oberflächlich betrachtet – schon keinen tollen Musikgeschmack. Andererseits kann von einem besseren Gusto bei 0815-„Heten“ auch keine Rede sein. Der Unterschied liegt vielleicht höchstens dabei, dass schlechte Schwulenmusik eher elektronisch und bumm-bumm-mäßig grundiert ist, schlechte Hetenmusik eher rockistisch oder plätschernd-langweilig daherkommt. Denn Schwule, die in den 70ern und 80ern musikalisch aufgewachsen sind, kamen oft und als Erste mit Disco – Weiterentwicklung von Soul-Musik – in Berührung, an sich kein böses Genre, woraus sich ja dann andere und schnellere elektronische Genres wie House oder Schlimmeres entwickelt haben.

Siehe Eurovision Song Contest. Und obwohl er insgesamt – auch dank Lena und Raphael Gualazzi (2.Platz dieses Jahr, italienischer Beitrag) – weniger schwul geworden ist, stellt diese Veranstaltung noch weiterhin eine große Sause dar für Schlager- und, haha, Eurotrash-Fans.

Gay-Veranstaltungen und Gay-Discos decken eben die Musik des „schwulen Mainstreams“ ab, welche sich aber nur in geringem Maßen von Partymusik in „normalen“ Etablissements unterschiedet. Viel Charts-Mucke ist drin, was Heten wie Homos gerne hören. Manche Songs werden halt etwas öfter und lieber von Gays gehört. Ich denke da z.B. an „Tanz der Moleküle“ (MIA.) oder „Funhouse“ (P!nk).

Aber, wie du schon aufgezeigt hast, lieber Mr. O-Ton, ist der näher betrachtete Musikgeschmack von Schwulen weitaus vielfältiger und beinhaltet auch weniger massenkompatibles Zeugs. Und auch die Palette von schwulen und bisexuellen Musikern ist eigentlich auch nicht beklagenswert, wie du bereits aufgezählt hattest.

Musik von Schwulen (und Lesben und Bisexuellen), die von Schwulen gerne gehört werden? Mir fallen noch ein, und die Liste ist sicherlich nicht vollständig:

POP
– Soft Cell/Marc Almond
– Frankie Goes to Hollywood
– Scissor Sisters
– Elton John (of course)
– Boy George (of course)
– George Michael (of coooourse)

INDIE
– The xx (soweit ich weiß, sind die Sänger schwul/lesbisch)
– Chris Garneau
– Owen Pallett
– Bloc Party (Kele ist schwul)
– Sigur Rós
– Xiu Xiu (Sänger ist bisexuell)
– Patrick Wolf (bisexuell)

ELEKTRO
– Austra (lesbisch)
– Patrick Cowley (Disco)
– Frankie Knuckles (Disco)

Und Musik von schwulen Musikern, bei der das „Schwule“ nicht so offensichtlich ist:

FOLK/COUNTRY/SINGER-SONGWRITER
– American Music Club/Mark Eitzel
– The Magnetic Fields/Stephin Merritt

KLASSIK/JAZZ

– Fred Hersch (Jazz)
– Nico Muhly

Und Rio Reiser!

Warum Schwule musikalisch so sehr auf außergewöhnliche Frauen abfahren? Antwort: weil Schwule sich oft als ebenso außergewöhnlich sehen. Und weil Musikerinnen und Sängerinnen im Durchschnitt eher exzentrisch sind, gerade in der heutigen Zeit, nehmen sie eben weibliche Musikmachende oft zum Vorbild, sie wollen so sein wie sie. Kate Bush, Björk, Robyn und natürlich Madonna und Lady Gaga als massentauglichste Prototypen.

Auch stehen viele Schwule mit „alternativerem“ Musikgeschmack sehr auf Elektro-Pop, gerade der mit einer Frau am Mikro. Róisín Murphy, The Knife/Fever Ray, nochmal Björk und Robyn, Goldfrapp, La Roux. Das ist quasi die Abgrenzung durch die „Besserhörer“ innerhalb der Elektro-Mucke. Womit wir wieder bei den Koeffizienten „gay“ und „electronic“ wären.

Was hören eigentlich Lesben für Musik, außer jene von „starken Frauen“ wie P!nk?

Sehr geehrter Mr. O-Ton,

in unserem letzten nicht-öffentlichen Chat, den wir über eine sehr beliebte Gay-Community geführt hatten, ging es um den experimentellen Komponisten John Cage, die Singer/Songwriter Jay Brannan und Christopher Dallman und die Briten von Everything But The Girl. Da ich mich nur sehr schlecht mit Cage und Dallman auskenne, möchte ich dir das Beginnen der anderen Themen überlassen. 😉

Etwas besser dafür weiß ich u.a. über Everything But The Girl Bescheid. Soweit ich weiß, ist das eines dieser typischen Mann-Frau-Duos, bei dem die Frau – hier Tracey Thorn – singt und vorne ist und der Mann – Ben Watt – im Hintergrund die musikalischen Fäden zieht. Bei dieser Bandkonstellation fallen mir zig weitere geschlechtergemischten Duos ein (Sonny & Cher, Ike & Tina, The Kills, etc.), aber nur wenige, bei denen nur der weibliche Part in der Öffentlichkeit wirklich präsent ist: Goldfrapp oder The Carpenters zum Beispiel.

Ich kenne aus meiner Kindheit – da warst du sicherlich End-Teenager oder Twen – eigentlich nur ihren einzigen großen Hit „Missing“, sowohl die Remix- als auch die naturbelassenere ruhigere Version. Dank des Mitte der 90er-Jahre oft gespielten Musikvideos mit der melancholisch dreinblickenden Kurzhaar-Frau und dem dürren bärtigen Mann. Da gab es bestimmt auch andere weniger bekannte Songs, die ich einst gehört, aber wieder vergessen habe. Außerdem habe ich Tracey Thorns Solo-Sachen mal gehört, aber nur peripher, dadurch blieb nicht viel hängen. ganz wenige Songs ihres zweiten eigenen Elektropop-Albums (2007) und ein oder zwei Lieder ihres Singer/Songwriter-Pop-Dings (2010). Ansonsten habe ich EBTG als eines dieser One-Hit-Wonder abgestempelt. Zu Unrecht?

Jetzt war ich soeben auf ihrer englischsprachigen Wikipedia-Seite und wäre fast vom Stuhl gefallen wegen einer Sache: die Anzahl der Genres, die EBTG abdecken. 31!!! Nicht nur Naheliegendes wie Sophisti-Pop, TripHop, Pop Rock oder Downtempo lässt sich „rechts oben“ finden. Watt und Thorn werden genretechnisch gar mit Progressive House, Techno und Dubstep in Verbindung gebracht! Das ist Vielfalt, von der sich die meisten Bands noch eine Scheibe abschneiden könnten.

Gehören Everything But The Girl demnach zu den am meisten unterschätzten Bands überhaupt? Was meinst du dazu, Mr. O-Ton? 🙂

07.08.2011 19:35

Aber hallo Herr A-Ton,

One-Hit-Wonder, ja; unterschätzt, auch ja!
Auch ich erinnere mich an die 90er und an Missing. Eines der Lieblingslieder meiner Fag Hag zu der Zeit. Oft gehört auf dem Weg zu Disko zwischen Heilbronn und Stuttgart im Auto. Damals fand ich das Lied grade mal okay und natürlich zu Mainstream und ich habe nicht viel mehr von der Band erwartet. Bis dann vor zwei, drei Jahren einer meiner musikbegeisterten Bekannten davon anfing, dass EBTG ja eine seiner Lieblingsbands waren und sind und Tracy Thorn mit ihrer Stimme und überhaupt. Ich hab dann angefangen mir ein paar andere Sachen von denen anzuhören und habe nach und nach einen Schatz gehoben, dessen Ausmass ich noch nicht ganz abschätzen kann. Als ich dann auf Tracy Thorns Soloprojekte aufmerksam wurde und gehört habe, dass sie einen Song mit Jens Lekman aufgenommen hat, waren meine anfänglichen Zweifel gänzlich verflogen.

Noch bin ich keineswegs ein Kenner der Musik von EBTG, aber wenn sie, Herr A-Ton, von den vielen unterschiedlichen Gengres überrascht waren, kann ich deren Existenz in der Musik von EBTG nur bestätigen. Schön zu hören ist das in dem Album Back To Mine, das als Konzeptalbum oft nur auf Instrumentales und Sprachsamples setzt. Tracy Thorns Stimme ist da oft der Ruhepunkt in einem weiten Bogen von Stilen, Loops und Samples, die eine Melodie findet und einen Song formt, der fragil im bunten Treiben des Gesamtsounds schwebt.

Wenn man das hört, kann man sich vorstellen, dass Missing als Kulmulation, als Verdichtung aus dieser Klangwolke wie ein Blitz herausfuhr und den Hit landete. Ich höre den Song heute auch ganz anders als damals, kann ihn viel mehr geniessen und finde ihn mitunter einen der traurigsten Songs der Popgeschichte.

Ich könnte mir vorstellen, dass ihnen Herr A-Ton, dieses Album auch gefallen würde, erinnert es mich doch an die von ihnen kürzlich entdeckten The Avalanches. Anspieltipp wäre vom Album Back To Mine das schöne Beth Orton Cover von Stars All Seem To Weep

Und hier, als kleines Schmankerl, von der letzten Soloplatte von Tracy Thorn: Oh The Divorces! Ein Song, der nochmal zeigt welche Bandbreite ihre dunkle, melancholische Stimme auch bei einem minimalen Set hat.

Sehr geehrte Blog-Gemeinde,

Mr. O-Ton und ich, Mr. A-Ton, begrüßen euch ganz herzlich zu unserem neuen gemeinsamen Blog „Tonprotokoll“. 🙂

Worum geht es hier? Es geht um Musik und alles, was irgendwie mit Musik zusammenhängt. Allerdings wollen wir hier keinen klassischen Weblog mit Artikeln über Musikthemen aufziehen, sondern wollen es dynamisch und direkt halten.

Trotz unterschiedlicher Wohnorte (Köln, Würzburg) und menschlicher Baumringe (36 Jahre, 23 Jahre) kennen wir uns schon länger, und seit geraumer Zeit chatten wir auch ziemlich regelmäßig, gerade über Musik. Wir zwei alten Bloghasen kamen irgendwann zu dem Schluss, dass unsere Ausführung über eines unserer Lieblingsthemen in der Chat-Konversation so unterhaltsam, gegenseitig befruchtend und reichhaltig sind, dass wir diese auch gerne publik machen würden.

Deshalb gibt es zu jedem Thema immer eine unmittelbare Antwort des jeweils anderen Autoren. Wir wissen selber noch nicht so genau, ob und wie das alles funktionieren wird. Wir werden sehen, bzw. tönen.

Viel Spaß beim mitverfolgen unseres Musikchats wünschen

Mr. A-Ton und Mr. O-Ton