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Archiv des Autors: theamazingsoundsoforgy

Sehr geehrter Herr O-Ton,

ich schreibe heute mal ein wenig über Annie Clark, die sich als musizierende Singer/Songwriterin St. Vincent nennt. Allerdings hat ihr Künstlername weniger etwas mit dem karibischen Inselstaat St. Vincent und die Grenadinen zu tun, sondern eher mit „Saint Vincent’s Catholic Medical Center“, in dem der walisische Dichter Dylan Thomas 1953 verstarb und welchem Clark sich nahefühlt: „Es ist der Ort, zu dem die Poesie gelangt, um zu sterben. […] [Und] das bin ich“.

Die 29-jährige Amerikanerin hatte mich bisher immer kaltgelassen. Warum? Ich denke, ich war bisher immer von ihrem Image der lieblichen und zierlichen Rehaugen-Frau verstört und ordnete sie fälschlicherweise in die Schublade „Musik für Zuckerwatte-Indie-Mädchen“ ein. Ein Fehler, denn als ich vor ein paar Monaten die Free-Download-MP3-Single „Surgeon“ gehört hatte, war ich von der Eleganz, Sinnlichkeit und der gleichzeitigen Verschrobenheit dank der Gitarren-Riffs und dem Noise am Ende beeindruckt. Und dann konnte ich nach dem Angucken des unglaublich genialen Musikvideos zum starken Stück „Cruel“ nicht mehr genug von Annie Clark bekommen.

 

Als das Album endlich auf Simfy zu hören war, konnte ich nicht glauben, wie formidabel ihr aktuelles Album Strange Mercy (2011) mit der erwähnten Singleauskopplung geworden ist. Manchmal wünschte ich mir, sie würde etwas kräftiger, mit mehr Vibrato, singen können. Aber sie macht es mit teils düsteren Songtexten, aufregenden, vibrierenden Arrangements und einer vielschichtigen musikalischen Abwechslung wieder wett. Die paar Downtempo-Songs in der zweiten Hälfte der Platte wie „Neutered Fruit“ oder „Champagne Year“ oder der Titeltrack sind nicht sehr zwingend zwar, fallen aber auch nur deshalb so sehr ins Minus-Gewicht, weil der große Rest das Gesamtwerk überstrahlt.

Während des Hörens ihrer teils avantgardistischen und elektronisch versetzten Songs denke ich immerzu an gemäßigtere Versionen von Björk und Kate Bush, gerade bei „Chloe in the Afternoon“. Gleichzeitig aber auch an Alison Goldfrapp mit mehr Indie-Rock als Synthpop, gerade bei „Cheerleader“. Oder an farblose Singer-Songwriterinnen wie Rachel Yamagata oder Ingrid Michaelson (hatte nur einen guten Hit), wenn ich die ungleich lebendigeren Songs „Hysterical Strength“ oder „Northern Lights“ höre.

St. Vincent steht aber eher auf einer Stufe mit Kolleginnen wie Regina Spektor oder tUnE-yArDs, ist auf einer virtuellen Skala zwischen beiden Enden genau zwischendrin, also zwischen klassischer Schein-Unschuld und experimentellem Wahnsinn. Und natürlich habe ich auch St. Vincents Vorgängeralben Marry Me (2007) und Actor (2009) angehört, das eine ist Singer-Songwriter-Pop, das andere etwas füligerer Indie-Streicher-Pop, und ihr zweites Album ist ihrem dritten fast ebenbürtig. Ach ja, noch etwas. Ja, St. Vincent kann richtig gut Gitarre spielen. Nicht täuschen lassen von ihrer scheinbaren Süße! Denn wie viel Power in ihr live steckt, kann man hier nachgucken, „Marrow“ live in Frankreich, aus Actor (2009):

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Alles Gute zum Geburtstag, lieber O-Ton! 🙂

Erst einmal wollte ich mich entschuldigen, dass ich mich in letzter Zeit so rar gemacht hatte. Aber irgendwie war ich nicht mehr so inspiriert, war nicht mehr so in Schreibstimmung. Aber ich versuche ab heute mehr und gemeinsam mit dir wieder zu bloggen. 🙂

Ich wünsche dir einen ganzen Strauß an Erfolg, Gesundheit, Liebesglück, Munterkeit und Spaß. Dass du wahnsinnig viele Geschenke und Grüße erhältst, und dass du weiterhin einen so versierten Musikgeschmack beibehältst.

Kommen wir auch gleich zur Musik. Putzig, wie du beim Geburtstagsgruß-Post bei mir musikalische Geburtstagskinder namegedroppt hattest, haha. Das mache ich hiermit nun auch bei dir.
Ebenso Geburtstag haben heute:

Gabe Saporta (1979) von der amerikanischen Synth-Poprock-Band Cobra Starship („Good Girls Gone Bad“), Dominic Aitchison (1976) von der schottischen Postrock-Band Mogwai, Ex-Dschungelcamp-Kandidat DJ Tomekk (1975, „1, 2, 3 Rhymes Galore“), Mike Smith von Limp Bizkit (1973), Rapper U-God vom Wu-Tang Clan (1970), der Singer/Songwriter Todd Snider (1966), Alexander Hacke von Einstürzende Neubauten (1965), Daryl Hall von Hall & Oates (1946, „Maneater“) und der brasilianische Composer Tom Zé (1936) haben heute Geburtstag.

Du siehst, die Auswahl an interessanten Co-B’day-Musikern und -KünstlerInnen ist nicht nur an meinem Geburtstag eher lahm gewesen. Wobei ich „Maneater“ liebe! Aber: die wunderbare Schauspielerin Jane Krakowski, die eine wahre Musicalstimme hat (Ally McBeal, 30 Rock) wird ebenso ein Jahr älter, nämlich 43.

Das Lied eines Geburtstagskindes, das noch am ehesten für heute passen würde, ist die Hitsingle von MC Lyte (1971). Die 90er-Jahre-Rapperin hatte einst „Cold Rock the Party“ deklamiert: „I rock the party / That rocks your body / I’ll rock the party / That rocks your body”. Und das gibt es zur Feier des Tages hier… 😉

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Sehr geehrter Herr O-Ton,

ich möchte zusammen mit dir eine neue Rubrik für unseren Blog hier eröffnen, dessen Thematik mich schon immer gereizt hat: „Meilenstein oder Fußnote?“. Das heißt, werden musikalische Klassiker verdientermaßen so sehr umjubelt wie sonst nur die Sieben Weltwunder? Oder sind angebliche Meilensteine wie Pet Sounds (1966) eher heillos überbewertet?

Es ist doch so: die Popmusik von Heute kann in der professionellen Bewertung von Alben an für sich nicht mehr alleine existieren. Denn geschätzte 95% der Plattenbesprechungen von Musikkritikern zaubern mindestens eine Referenzplatte eines großen Künstlers oder einer ehrenvollen Band aus dem Hut hervor, da jener Autor (die Autorin) ach so eine schlaue coole Sau mit großem Plattenschrank ist und ja auch sooo toll bewandert ist in der Popgeschichte. Der oder gemeine Rezensionenleser kann jedoch nicht immer sofort etwas mit dem Vergleichswerk anfangen, da entweder dessen Synapsen nicht so schnell umschalten können vom einen zum anderen, oder es schlicht an Hörgelegenheiten des in den Mund gelegten „Klassikers“ fehlt.

Und es ist ja schön und gut, wenn ein Album von vielen Menschen das Prädikat „besonders wertvoll“ erlangt, auch dann noch, wenn es vielleicht mehr als dreißig Jahre auf dem Buckel hat. Aber war früher wirklich alles besser? Oder ist diese ganze Meilenstein-Meißelung eine zu subjektive Angelegenheit, um die gleiche Meinung zu vertreten und vertreten zu müssen?

Muss man nicht eine Platte besonders dann hinterfragen, wenn diese dauernd in den Allzeit-Bestenlisten landet? Denn ist da nicht etwas faul dran, eine Lobby konservativer männlicher Cognac-Schwenker mit writing skills und vorhandenem Musikwissen der letzten 60 Jahre Schuld daran, dass sie ihre „geliebten Kinder“ immer oben sehen wollen, die mittlerweile längst ausgewachsen sind? Also dass ständig Platten von Bob Dylan, The Beatles, The Velvet Underground, The Clash oder The Smiths ganz oben auf den Listen landen?

Oder bin ich einfach zu jung (Jahrgang 1987), um mich in die Angelegenheiten der Älteren einmischen zu wollen, da ich das Aufkommen dieser Alben praktisch nicht hätte miterleben können? Um meine letzte Frage selbst zu beantworten: nein, ich denke, Mitreden muss sein. Es geht mir nicht darum, rebellisch zu sein, um rebellisch zu wirken, sondern darum, sich von musikgeschmacklichen Auferlegungen der altbewährten Meinungsmacher (z.B. Autoren und Redakteure der deutschen Rolling Stone) freizuschwimmen. Denn wenn die Gegenwart – also Alben von Bands und Künstlern der heutigen Zeit – dauernd mit der Vergangenheit verglichen wird (s.o.), dann sollte das andersherum auch erlaubt sein.

Nicht alle sogenannten Klassiker sind zeitlos oder perfekt, manche klingen in meinen Ohren eher verjährt oder nicht rundum gelungen, und das liegt bestimmt nicht (nur) daran, dass sich die Musikaufnahme-Techniken oder die Hörgewohnheiten heutzutage verändert haben. Ich z.B. liebe von den Beatles deren „Opus Magnum“ Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1967), aber war dann doch von manchen Lückenfüllern auf dessen Vorgänger Revolver (1966) enttäuscht, auch ein Klassiker. Bruce Springsteens Born to Run (1975) mochte ich sehr, Brian Enos Another Green World (ebenfalls 1975) fand ich hingegen zum Einschlafen.

Lieber Herr O-Ton, würdest du mir bei manchen Sachen zustimmen? Und wäre es dir Recht, wenn wir pro Blogeintrag einen „Meilenstein“ herauspicken und es im Diskurs nach subjektivem Hörgenuss und eventuell anderen Faktoren wie damaliger und heutiger Relevanz untersuchen?

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19.09.2010 18:07

Lieber Herr A-Ton,

ich bin grundsätzlich begeistert von der Idee hier einige Meilensteine der Musikgeschichte vorzustellen und neu zu rezensieren. Auch für mich mal ein Grund, in den Archiven zu stöbern und altes Neues oder neues Altes zu entdecken. Es fehlt mir doch viel von den sogenannten Klassikern und ich bin immer wieder erstaunt wieviele davon als Vergleich herhalten müssen. Auch innerhalb der letzten 20-30 Jahre enstandene Alben kommen da immer wieder dran und wie schnell ist man bei der Beschreibung von Alben selbst um Vergleiche bemüht, um es dem Gegenüber möglichst einfach zu machen. Ob das vielleicht auch etwas damit zu tun hat, dass die Grenzen zwischen den Stilrichtungen doch arg verwischt sind oder sich verschoben haben?

Was als Meilenstein gesehen wird, muss aber auch im geschichtlichen Kontext gesehen werden. War die Musik wirklich so neu, so anders? Oder war es einfach das erste Album, dass auch kommerziellen Erfolg hatte? Hat es wirklich einen Stil geprägt, zumindest für sich oder den Künstler? Welche Wurzeln werden geschlagen, welche Regeln gebrochen, welche Bewegungen waren ausschlaggebend? In meinen Rezensionen wird das bestimmt eine Rolle spielen. Liegt wohl an meinem historisch-philosophischen Background.

Ich bin gespannt wie die Serie los geht. Habe im Zug nach Paris auf jeden Fall schon mal Serge Gainsbourgh, Histoire de Melody Nelson gehört… Darüber werde ich dann wohl als erstes schreiben. Und sie?

Franz-Dinda-Tattoo "Elvis"

Ich wünsche einen schönen Montag, lieber Herr O-Ton,

und möchte wieder diese ominöse Rubrik für diese Woche, bzw. für die letzte Woche vorstellen. Das mit dem Platzhalter im Titel kam bisher nicht so ganz herüber, beschränkte sich die Variabilität der gemochten Sachen bezüglich Musik nur auf Lieblingssongs und LieblingskünstlerInnen ( oder -Bands). Dann will ich mal ein paar Anstöße geben:

Lieblingsheld der letzten Woche – Freddie Mercury (Todestag, R.I.P.). Lieblingsheldin der letzten Woche – Adele (singt den Bond-Song – laut Gerüchten). Lieblings-Musikmeldung – The Game fordert einige Rapper auf, sich sofort als schwul zu outen (angeblich soll es auch 50 Cent sein, ja klar!). Lieblings-Enttäuschung – PJ Harvey gewinnt den Mercury Prize 2011 (statt James Blake, Adele oder Anna Calvi, aber sie hat doch schon bereits gewonnen!!!). Lieblings-Musikmoment – ich habe mich neu verliebt – in den Patrick-Wolf-Song „Vulture“, der letzte Woche auf einer Party lief und richtig zündete.

Und jetzt kommen A-Tons Lieblingssongs der 36. Woche (05. – 11.09.2011):

01 (NEU) Washed Out – Far Away
02 (NEU) Washed Out – Soft
03 (WE) James Blake – What Was It You Said About Luck
04 (21) St. Vincent – Cruel
05 (13) St. Vincent – Surgeon
06 (03) Frank Ocean – Thinking About You
07 (01) Hooray for Earth – No Love
08 (NEU) Beirut – Santa Fe
09 (06) Wild Beasts – Catherine Wheel
10 (NEU) St. Vincent – Cheerleader

Nähere Infos zu St. Vincent, Washed Out und Beirut folgen in den nächsten Tagen…und was gab’s bei dir zu hören, lieber Herr O-Ton?

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13.09.2011 8:39

Moinmoin Herr A-Ton,

hier erstmal meine Top-Künstler der letzten Woche:

01 Bon Iver
02 Queen
03 B. Fleischmann
04 Hooray for Earth
05 De La Soul
06 Alison Krauss & Union Station
07 Elbow
08 Elbtonal Percussion
09 The Script
10 The Dead Weather

Die Nummern Eins und Zwei sind definitiv diesem Blog geschuldet. Bon Iver allerdings mit Abstand weit vorne, da ich jedes Album ca. 8-10 Mal durchgehört habe. Das Durchforsten meiner Musikbibliothek nach dem Zufallsprinzip geht weiter: B. Fleischmann, von ihm das Album The Humbucking Coil (2006), hat es mir besonders angetan. Allerdings ist das wieder etwas, was man wunderbar nebenher hören kann. Am ehesten hat es mich seine Musik an The Album Leaf erinnert. Hooray for Earth hat es zwar in die Top Ten geschafft, ist aber leider nicht bis zu mir vorgedrungen und muss vielleicht auch wiederentdeckt werden. Auch so eine Wieder Entdeckung waren De La Soul, The Script, Elbtonal Percussion und The Dead Weather. Alle nur ein bis zwei mal gelaufen. Die Drummer und Schlagwerker aus Hamburg Elbtonal Percussion mit ihrem Album Four Elements, haben schon vor Jahren bei mir Eindruck geschunden. Ihre Interpretation von Sting’s St. Agnes and The Burnung Train finde ich auch nach wie vor genial. Aber dieses kleine Instrumentalstück von The Soul Cages mochte ich schon immer sehr gerne. Einbisschen Bluegrass von Alison Krauss muss immer mal sein und Elbow ist jetzt schon mal die Vorbereitung auf das Konzert im Herbst!

Lieblingsvorfreude letzte Woche: Tori Amos neues Album kommt bald und hier kann man schon mal reinhören (Ich bin jetzt schon verzaubert):

first-listen-tori-amos-night-of-hunters

Ansonsten hat mich der Mercury-Preis für PJ Harvey auch enttäuscht und Adele für den Bond-Song? Toll! Wer sonst hat so viel 007-Drama in der Stimme?

Geschätzter Herr O-Ton,

Justin Vernon und seine zur Band angewachsene Musikerhülse Bon Iver befanden sich 2008 noch in ihrer eigenen Folk-/Singer-Songwriter-Nische. Für mich als damaliger radikaler Folkophober war es einfach, sich dem Anhören von Bon Ivers Debütalbums For Emma, Forever Ago (2008) zu entziehen. Bon Iver, eine Verstümmelung von „bon hiver“ (Frz. für: guter Winter), war damals einfach nur der Künstlername von Justin Vernon, über die er seine karge Musik an die Leute vermitteln konnte. Zwar war seine reduzierte und dadurch direkt durchdringende Musik überhaupt nicht meins, konnte aber anscheinend die Herzen vieler Menschen wie auch deines, Herr O-Ton, verzaubern. Alle Musikkritiker (online wie offline) schienen das Album sehr gerne zu haben.

Sein Image war damals klar definiert: einsamer Kerl mit zauseligem Bart, für den er eigentlich zu jung zum Tragen ist, hat Liebeskummer und flieht mit schwerem Herzen vor der Zivilisation. Er versteckt sich sodann in einer kleiner Holzhütte mitten in einem verschneiten Wald, wärmt sich durch den Kamin und seine Flanellhemden auf, und erträgt lieber den Winter als neue Schmerzen, die ihm die nun fernen Menschen zufügen könnten. Dabei klimpert er an seiner Gitarre und schreibt Songs.

Nach einer EP wurde aber vieles anders. In Justins Herzen wurde es langsam Frühling, er setzte die Wollmütze ab, kroch aus seinem Refugium, umgab sich wieder mit mehr Leuten und vielen Musikern. Er ließ sich die Kopfhaare stutzen, stylete sich vermehrt Sonnenbrillen und baute sein Selbstbewusstsein wieder auf. Nicht nur, dass zahlreiche Nebenprojekte (Gaygns, Volcano Choir, Kanye Wests fünftes Album) auf seinem Weg zum Indie-Startum entwickelt wurden, es schlossen sich ihm dadurch auch drei musikalische Gefährten an, die nun auch im Bon-Iversum (haha) Platz finden.

Die vierköpfige Band Bon Iver, die sie nun ist, erschafft dank Justin Vernons neuen urbanen Einflüssen wie Saxofon-Klänge, Indie-Rockismen und genereller Kollaborations- und Experimentierlust ein zweites Album, das wahlweise Bon Iver oder Bon Iver, Bon Iver genannt wird. Das vielschichtiger gewordene Album mit der Kartografie teils abstrakter Orte („Michicant“, „Wash.“, Hinnom, TX“) wird zum endgültigen Durchbruch für ihn. Ein fabelhafter Platz 2 in den amerikanischen Billboard-Charts wird erreicht, der parallele Blog-Hype um Bon Iver nimmt kein Ende mehr, er und seine Mannen sind und bleiben bis heute in aller Indie-Gossip-Munde.

Und nun schafft er es auch, mich musikalisch zu bezirzen. Schlusstrack „Beth/Rest“ ist in der Albumversion (die Solo-Pianoversion ist toller) noch immer schwer zu verdauen, doch die anderen acht Songs umschmeicheln mit nach Weite klingender Musik meine Ohren trotz Spuren von Folk und Country (welche während des Hörvorgangs bewusst überhört werden). Atmosphäre, bis mein Gehörgang reicht, das schafften dieses Jahr bisher nur James Blake und Destroyer.

Die Single „Calgary“ klingt wie ein Radio-Hit aus einer besseren Welt.

Und „Holocene“ funktioniert wie ein irdischer Sigur Rós-Song. Gleichzeitig sind das auch meine zwei Lieblingssongs daraus.

Hör dir, lieber Herr O-Ton, das Album noch ein/zwei Male öfter in einem Rutsch an, vielleicht wächst es ja noch bei dir. Ich weiß, dir ist der einsame Justin von 2008 lieber. Und wenn dir das Album noch nicht reicht, kannst du ja auf dem Indie-Blog Stereogum nach den Coverversionen von Björk- und Bonnie Raitt-Songs suchen. Und dass ich Bon Iver nach seiner musikalischen wie optischen Verwandlung interessanter und irgendwie sexy finde, versteht sich eh von selbst.

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12.9.2011 9:03

Lieber Herr A-Ton,

ich habe tatsächlich viel Bon Iver gehört in der letzten Woche, wie Du ja an meinen tweekly Top-3 schon gesehen hast. Aber nicht nur das zweite, sondern eben auch das erste Album, welches mir im Februar 2009 das erste Mal untergekommen ist. Ich fand das Album damals sehr ungewöhnlich. Da hatte es jemand geschafft, noch melancholischer zu klingen als Scott Matthew oder Antony Hagerty (und dabei ist der hetero…!) Wiederbegegnet ist mir Bon Iver dann beim Konzert von den Local Natives, wo die Platte im Vorprogramm lief. Ich hatte es direkt erkannt, aber natürlich, wie so oft keinen Namen parat und als dann das Mädel am Eingang sagte, es handele sich um den tollen Bon (H)iver, dachte ich, sie müsse sich vertun, weil mir der Name nichts sagte. Dabei hatte sie ihn nur richtig ausgesprochen. Auf jeden Fall dachte ich damals, bei dem hätte ich auch nciht gedacht, dass er mal eine breitere Öffentlichkeit ereicht.

Für Folk ist es doch sehr langsam, er zieht ja beinahe jeden Ton in die Länge und wäre da nicht die Gitarre, sondern elektronische Sounds als Begleitung, würde man es auch nicht mehr als Folk bezeichnen. Ich glaube, deshalb passt er auch gut zu James Blake, weil die beiden sich in der Atmosphäre ihrer Songs sehr ähnlich sind. Justin Vernons Stimme würde wohl auch nicht zu einer anderen Art Musik passen, schon gar nicht zu knackigem Folk.

Was die beiden Alben anbelangt finde ich deshalb auch, dass es gar keinen so großen Unterschied gibt. Die neue ist etwas frischer, größer instrumentiert, aber von der Grundstimmung her doch sehr ähnlich wie Emma, forever ago… Ob das jetzt nur an der Stimme liegt, weiss ich nicht! Auf jeden Fall höre ich jetzt beide gerne. Noch erwähnen möchte ich seine EP Blood Bank, die 4 sehr schöne Tracks enthält. Vor allem der Titel Woods erinnert doch sehr stark an James Blake, oder? (Hier leider nur mit einem Bild aus der UK-Serie Skins, die mich teilweise ja auf tolle Musik gebracht hat)

Und hier noch das Video zu The Wolves (Act I and II), bei dem ich dann dachte, okay, der kommt aber schon aus der Folk-Richtung 😉

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12.09.2011, 17:46

Hallo, Herr O-Ton,

also ich habe mir heute als noch immer nicht von Folk-Musik begeisterter Mensch tatsächlich das erste Album For Emma, Forever Ago (2008) angehört. In Gänze. Und ich muss sagen, dass es nicht so eine qualvolle Angelegenheit geworden ist wie befürchtet. Tatsächlich finde ich manche Stellen auf dem Album ganz okay, die zweite Hälfte davon nämlich. „Flume“ und „Skinny Love“ sind mir jedoch zu typisch folkig, das ganze Album berührt mich längst nicht so sehr wie das nach Weite, Nebel und Ozean klingende zweite und durchaus gelungene zweite Album (2011).

Bin noch nicht dazu gekommen, die Blood Bank EP mir anzuhören, da sie nicht streamable ist auf simfy. Vielleicht gefällt sie mir ja. Und, ich muss dir ein wenig widersprechen, Ähnlichkeiten sehe ich nur wenige zwischen Album Nr. 1 und Nr. 2, da letzteres weitaus langsamer, komplexer, unbestimmter, vielschichtiger und noch weitaus unfolkiger geraten ist als das erstere. Das sieht man vor allem an den wie Chiffren funktionierenden Texten, die sind sehr indirekt und „impressionistisch“ (Pitchfork).

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Franz-Dinda-Tattoo "Elvis"

Werter Herr O-Ton,

Die vergangene Kalenderwoche 35 wird wieder aufgerollt. Zunächst einmal meine Lieblingssongs der 35. Woche (28.08. – 04.09.2011):

01 (03) Hooray for Earth – No Love
02 (01) Hooray for Earth – Surrounded by Your Friends
03 (NEU) Frank Ocean – Thinking About You
04 (NEU) Beyoncé – Love on Top
05 (NEU) Bon Iver – Perth
06 (02) Wild Beasts – Catherine Wheel
07 (09) James Blake & Bon Iver – Fall Creek Boys Choir
08 (NEU) Bon Iver – Beth/Rest (Solo Piano Version)
09 (16) Hooray for Earth – Sails
10 (WE) The Rapture – How Deep Is Your Love

Die Neueinsteiger auf den Plätzen 3 bis 5 (und auf 8 ) haben indirekt alle miteinander etwas zu tun, denn sie haben alle bei Jay-Zs und Kanye Wests Projekt Watch the Throne (2011) mitgewirkt.

Frank Ocean zum Beispiel war das Feature des ersten Tracks „No Church in the Wild“. Noch besser jedoch ist „Thinking About You“, womöglich es der bis dato beste Track des OFWGKTA-Mitglieds (Odd Future, Tyler, The Creator und so), weil es ein so erfrischendes und doch nicht kitschiges R’n’B-Lied ist. Besser produziert als die Sachen auf seinem Album Nostalgia, Ultra (2011) ist es sogar noch!

Nochmal R’n’B: auch Beyoncé sang auf dem Album ihres Mannes und dessen Buddy ein paar Strophen, nämlich auf „Lift Off“. Aber „Love on Top“ fanden Jay-Z und Kanye West aber wohl auch ganz toll, denn dessen Performance aus 4 (2011) nahm sie auch gleich als PR-Trittbrett, um stolz ihren noch unvoluminösen Babybauch am Ende warmzurubbeln. Ist trotzdem ein sehr mitreißendes und gute Laune machendes Highlight aus ihrem Album.

Und Bon Iver macht dauernd von sich reden, zumindest im Indie-Musik-freundlichen Blog-Mikrokosmos. Sei es ein MTV-Diss auf seinem Blog, als Mitbeteiligter bei der Jay-Z-Kanye-Kollabo „That’s My Bitch“, beim anderen großen Jointventure mit James Blake (dazu gleich mehr) oder die pianobasierte Soloversion von „Beth/Rest“. Die Originalversion dieses Songs aus seinem zweiten selbstbetitelten Album polarisiert stark, Herr O-Ton kann ein Lied davon singen. Doch die „Solo Piano Version“ ist ungleich reduzierter und weniger zugekleistert mit Synthie-Käse oder Saxofon-Schmalz. Ähnelt eher der großartigen Coverversion von „I Can’t Make You Love Me / Nick of Time“ (Bonnie Raitt), mein persönlicher Song des Monats Juli.

So weit ist es mit „Fall Creek Boys Choir“ noch nicht für August oder September. Der Track ist ein wenig enttäuschend, da man schon bessere Oden von James Blake oder Bon Iver einzeln gehört hatte. Nichtsdestrotrotz weiß diese sinnliche Single zu gefallen. Justin Vernon von Bon Iver singt in gewisser Weise über ein James-Blake-Track und wird von diesem stimmlich dank Autotune verzerrt. Spannender ist es jedoch für mich, mir vorstellen, ob James und Justin auch ein Duett konzipiert , und gar ein gemeinsames Album der Jay-Kanye-Sorte geplant haben, ob sie privat Buddies geworden sind, und ob sie vielleicht sogar herumschmusen. Letzteres ist eine sehr verlockende Vorstellung…

Was gibt’s Neues aus den Wohnzimmer-Lautsprechern, bzw. aus den Kopfhörern von dir, lieber Herr O-Ton?

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Hallo A-Ton,

nicht viel Neues, wenn auch neu in der Top Ten, gab es letzte Woche auf meinen Ohren:

01 (NEU) Band of Horses
02 (NEU) Alela Diane
03 (NEU) Howard Shore
04 (NEU) Sinéad O’Connor
05 (NEU) Ray LaMontagne
06 (NEU) The Album Leaf
07 (NEU) Dylan LeBlanc
08 (NEU) Laura Marling
09 (NEU) Asa
10 (NEU) Nikos Mamangakis

Die Band of Horses habe ich irgendwie durch Zufall wieder entdeckt. Vor einiger Zeit mal gehört, aber nicht für gut befunden, haben sie jetzt voll eingeschlagen und passten irgendwie zu meiner Stimmung und den vielen Wegen mit dem iPod letzte Woche. Alela Dianes Album The Pirate’s Gospel hat mich mal wieder auf die Weltmeere entführt und Howard Shore war Hintergrundmusik für viel Stunden Grafikarbeit (OST Lord of the Ring). So auch Sinéad O’Conner, Ray LaMontagne, The Album Leaf und Asa. Dylan LeBlanc fand ich mal gut, wollte ich jetzt nochmal hören und dacht hmmmm, okay…. 😉 Genauso Laura Marling.

Nikos Mamangakis fällt da natürlich etwas raus. Ich habe in letzter Zeit die Serie „Heimat“ von Edgar Reitz immer mal wieder zu Entspannung geschaut. Der Soundtrack von Nikos Mamangakis ist somit mit vielen Bildern aus der ersten Staffel verbunden und wohl eher ein melancholischer Hörgenuss! Zur Musik von „Heimat“ könnte ich aber mal einen eigenen Thread machen.

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07.09.2011, 17:45

Tach, Herr O-Ton,

und jetzt folgen meine meistgehörten Bands und KünstlerInnen der letzten sieben Tage, von denen viele genauso und ähnlich oft gehört wurden, sodass es oft ein Unentschieden gab:

Platz #01 teilen sich The Rapture [Wiedereinstieg wegen des neuen vierten Albums] und Bon Iver [WE wegen Blake-Bon-Kollaboration und der nicht enden wollenden Indie-Blogs-Berichterstattungen].

Auf Platz #03 ist Platz für die Damen Beyoncé [WE wegen VMA-Auftritt] und Feist [WE, weil ich mich nach ihrem neuen Album sehne].

Platz #05 geht sowohl an den US-Rapper Saigon [Neueinstieg, weil in der Blogosphäre schon lange bejubelt] als auch an den UK-Alleskönner Dev Hynes alias Blood Orange [NEU wegen Entdeckung des Albums Coastal Grooves (2011)] und, wieder ist Justin Vernon dabei, an die Kollabo des Jahres James Blake & Bon Iver [NEU wegen Release von „Fall Creek Boys Choir“].

Auf #08 ist der große Prince [WE wegen laut.de-Meilensteinigung von Sign ˈOˈ The Times (1987) letzte Woche].

Auf Platz #09 befindet sich die Geht-immer-Band Spoon [WE].

Und auf der #10 sitzt der Altmeister Brian Eno [NEU wegen Entdeckung des eher enttäuschenden Klassikers Another Green World (1975)].

Kann leider mit vielen deiner letztwöchigen Lieblingsartists nicht viel anfangen. Alela Diane? Laura Marling? Asa? Band of Horses? Gähn. Und: Who the fuck is Nikos Mamangakis???

Ich bin stolz darauf, die vierköpfige New-Yorker-Band Hooray for Earth fast von allein entdeckt zu haben, ohne Empfehlung von Freunden oder Hilfe deutscher Musikzeitschriften (Musikexpress, Visions, Spex, Rolling Stone Deutschland). Die Band kennt hier auch kein Mensch. Bis jetzt…

Und auch nur indirekt hat mir der regelmäßig von mir angesteuerte Blog Pitchfork dabei geholfen. An einem Tag Anfang Juli wurde ihr zweites Album True Loves (2011) der Brooklyner rezensiert und bekam relativ gute 7.9 von 10.0 Punkten. Ich hakte die Indie-Synthie-Rock-Band trotz dieser guten Bewertung und dem niedlichen Goldbären-Albumcover (an Jeff Koons erinnernd) als just another indie band ab, las die Plattenbesprechung gar nicht mal durch und scrollte mich weiter.

Monate später durchforstete ich Metacritic nach den besten Alben des Jahres durch, da ich nach neuer und für sehr gut befundener Musik dürstete. Und da tauchte eben dieses Album mit dem Bären wieder auf. 84 von 100 Punkte ist ein sehr guter Wert bei acht Plattenkritiken. Da wurde ich neugierig, youtubte mich durch die Clips mit Standbild und mit offiziellem Musikvideo und war begeistert. Dann noch nach (legalen) Free MP3s gegoogelt und mich bis zur Sättigung durchgehört.

Gut, die Songs klingen beim ersten Hören schon etwas nach ätzend hedonistischer Hipster-Musik. Aber ich kann versichern, dass sie mehr tiefgängigen Groove und Seele besitzen als viele ihrer Brooklyner Musiker-Nachbarn. Für Fans von Cut Copy und des ersten MGMT-Album, würde ich sagen. Anspieltipps wären das knackige und groovende „No Love“ und das preschendere „Sails“ aus True Loves, das leicht roh klingende „Videostore“ aus der EP Cellphone (2008) und das melancholischer klingende „Surrounded by Your Friends“ aus der zweiten EP Momo (2009), wovon es auch dieses Musikvideo gibt:

Blöd ist nur, dass weder ihr gleichnamiges Debütalbum von 2006 noch das etwas intensiver von der Plattenfirma beworbene Album True Loves (2011) oder ihre EPs in Deutschland zu kaufen sind. Zumindest nicht in Plattenläden oder Amazon. Via simfy kann ich mir auch nichts von ihnen anhören. Digital gibt es True Loves wohl höchstens bei iTunes, wovon Mr. O-Ton ja profitieren kann. Doch du bist nicht sonderlich begeistert von ihrer Musik, oder?

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