Drama Queen

Lieber Herr A-Ton,

warum gefällt uns Musik? Was muss ein Musiktitel haben, um sich in unserern Ohren festzusetzen und danach zu verlangen noch mal gehört werden zu wollen?

Nicht selten sind es ja eben keine Töne, die unseren ersten Einsruck von einem Titel bestimmen, sondern Bilder auf Covern, Texte von Rezenseionen oder einfach Vorstellungen, die man hat, wenn man einen Bandnamen oder einen Songtitel hört. Es passiert einem ja immer seltener, dass man auf Sachen im Radio oder Fernsehen stößt, wo man direkt über das Hören Bekanntschaft mit einem Lied schliesst. Vielleicht gibt es das noch in der Disko oder in Klubs, im Café oder so. Aber wir beide wissen, es wird selten mal was gespielt, was man nicht schon kennt, was wir nicht schon kennen. Das LastFM Empfehlungsradio könnte so eine letzte Enklave des unmittelbaren Erstkontakts sein.

Also wir bekommen ein Gefühl für einen Song, bevor wir ihn gehört haben, vielleicht sogar eine Erwartung. Beim ersten Hören selbst bin ich meist ganz emotional, ob mir was gefällt hängt von meiner Stimmung ab und von meinen Erwartungen. Wenn mir dann mal was gefällt und ich es häufiger hören möchte, mache ich mir oft Gedanken über die Musikdramaturgie des Stückes. Denn oft gefallen mir Stücke, die einen bestimmten Spannungsbogen, die hin und her springen in den Tonarten und die mich somit emotional mitnehmen.

Was in der Klassik schon lange praktiziert wird, hat in der Pop- und Rockmusik nur vereinzelt Einzug gehalten und das einzige Drama das sich oft abspielte lag im Warten auf den Drumbreak. Aber je mehr Spannung und Drama ein Song hat, desto mehr gefällt er mir. Bin ich eine Drama Queen und gehört das in die Abteilung Queer Ear? Man spricht ja auch beim Eurovision Song Contest gerne von dem beliebten Keychange als Vorrausetzung für den Sieg. Aber zu einfach sollte das Drama dann für mich auch nicht sein. Daher hier ein klassisches Beispiel: Janaceks Sinfonietta (hier der letzte Satz)

Das Stück kenne ich seit über 12 Jahren und ich höre es immer wieder. Und immer wieder bekomme ich eine Gänsehaut. Es birst fast vor Spannung und gewährt immer nur eine kurze Erlösung, bevor ein anderes Instrument übernimmt. Drama at its best. Weitere Beispiele sollen folgen.

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29.08.2011, 14:45

Lieber Herr O-Ton,

du hast Recht: in Zeiten von non-existenten Musiksendern (ich bin mit MTVIVA aufgewachsen) und schwindenden interessanten Radioprogrammen mit guter Musik (ich bin mit dem geschmacklich zweifelhaften Sender SWR3 aufgewachsen) hört man selten einfach nur ganz unschuldig ein Lied. Man hört sich kaum noch aus Neugier und ohne Vorinformationen bewusst einen Song eines/-r unbekannten Künstlers/-rin/Band an. Und meistens trifft man bei der Auswahl von zu spielender Musik unbewusst schon Vorentscheidungen aufgrund verschiedenster Kriterien, die oftmals nicht unbedingt direkt mit der Musik zu tun haben.

Zum Beispiel:
– Ein schöner oder interessanter Band-/Künstlername: Dear Reader, Melody Gardot, Jackie-O Motherfucker, usw.
– Ein bestimmtes ansprechendes Cover: z.B. die berühmten Artworks von The Beatles, Nirvana, Arctic Monkeys
– Ein tolles Musikvideo: z.B. „Here It Goes Again” (OK Go), „Rabbit in your Headlights“ (UNKLE feat. Thom Yorke)
– Ein auf Pressefotos erkennbarer subtiler oder forcierter Sex-Appeal, der nicht unwesentlich ist: z.B. Toro Y Moi (subtil), Katy Perry (forciert), Joanna Newsom (früher subtil, heutzutage forciert)
– Ein bestimmtes (von den Medien geformtes) Image: good girl Taylor Swift, bad boy Tyler, the Creator, usw.
– Genre-Zuweisungen: z.B. James Blake als Poster-Boy des Post-Dubstep
– Oder biografische Eckdaten wie „wurde von David Bowie gelobt“, „hat als Maler gearbeitet“, „ist offen schwul/lesbisch/bisexuell“ (s. Jay-Brannan-Post).

Zum Drama-Faktor: oh, ja, Gänsehaut durch das Hören von Musik ist etwas ganz Besonderes, und diese bekomme ich dann immer…
– …wenn ein leiser Abschnitt eines Songs plötzlich laut wird, oder andersherum: so geschehen bei „Age of Adz“ (Sufjan Stevens), „You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire“ (Queens of the Stone Age).
– …wenn in der Trackabfolge eines Albums nach vielen Up- und Mid-Tempo-Nummern plötzlich ein ruhiger und/oder minimalistischer Song folgt: z.B. „Codex“ (Radiohead), „Take the Box“ (Amy Winehouse), „Open Up Your Heart“ (The Rapture).
– …wenn tatsächlich ein wunderschöner Spannungsbogen innerhalb eines Songs oder einer Komposition nachzuvollziehen ist: „Hooting & Howling“ (Wild Beasts), „Auf Achse“ (Franz Ferdinand), „Hunter“ (Björk).
– …wenn Pop-/Indie-Rock-/Rap-/Soul-Songs so gefühlslandschaftlich großräumig, dramatisch, vielschichtig und reich orchestriert klingen, ohne dass sie gleich als Klassik-Flirt oder Ambient-Nachahmung gelten: „Femme Fetale“ (Aloe Blacc), „All of the Lights“ (Kanye West), „Diamonds Are Forever“ (Shirley Bassey).
– …wenn eine Stimme außergewöhnlich unter die Haut geht, sei es, weil sie so einzigartig klingt, so unfassbar sinnlich oder so grandios geschult ist: Scott Matthew in „For Dick“, Sivert Høyem in „Hands Up – I Love You“ (Madrugada), Anna Calvi in „No More Words“, nochmal Shirley Bassey in „Feelings“.
– …wenn ein bestimmter Knopf, der Knopf der Melancholie, gedrückt wird, weil der richtige Ton getroffen wurde, oder, wenn man so gerührt ist, dass man Tränen vergießen muss, ohne zu wissen, was diese wirklich ausgelöst hat: „Compass“ (Jamie Lidell), „Someone Like You“ (Adele), „Friend of Ours“ (Elbow).

Habe das Video zur „Sinfonietta“ noch nicht gesehen, wird aber nachgeholt…

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