Tori Amos

Lieber Herr A-Ton.

im Jahr 1992 oder 1993, da war ich gerade so um die 18, da wurde meine musikalische Welt umgekrempelt. Damals hörte ich Pink Floyd, Genesis, Amy Grant (omg), Deutschrock (wird nicht näher ausgeführt) und ein bisschen Liedermacher…

Durch einen Artikel in der Zeitschrift „Keyboards“ bin ich auf Tori Amos aufmerksam geworden, die gerade ihre erste Platte rausgebracht hatte. Der Kritikier überschlug sich und beschrieb Amos als eine Ausnahmekünstlerin, die ein völlig neues Genre geschaffen habe und noch vieles mehr. Angefixt davon ging ich dann in den Plattenladen meines Vertrauens und habe mir die CD bestellt, die damals 30,- DM gekostet hat. Es war glaube ich das erste Mal, dass ich etwas bestellen musste.

Wie so oft bei großen Entdeckungen, habe ich die CD nicht sofort kapiert und fand manche Stücke mehr als sonderbar. Was ich aber schnell verstand, war, dass Tori Amos nicht von schönen Dingen sang. Und da ich natürlich zu der Zeit auch oft todunglücklich war und unverstanden von der Welt, traf sie bei mir auf fruchtbaren Boden. Ihre Stimme hatte von Anfang an eine verstörende, faszinierende Wirkung auf mich. Sie hat ja wenn sie singt, eine eigene Tori-Sprache.

Meine Lieblings-Alben von ihr sind nach wie vor die ersten drei. Das erste, Little Earthquakes, und das zweite, Under the Pink, mehr aus melancholischen Erinnerungen heraus und das dritte, Boys for Pele, weil ich es auch heute noch als Meisterwerk betrachte, avantgardistisch und richtungsweisend. Sie hat hier ihren eigenen Stil zur Vollendung gebracht. Auch für dieses Album habe ich wieder einige Zeit gebraucht um es kennen und lieben zu lernen.

Das Oeuvre ist ja mittlerweile so groß, 12 Studioalben, das es schwer ist eine Empfehlung zu geben, was man unbedingt hören sollte. Für Sie Herr A-Ton vielleicht To Venus and back, weil es etwas elektronisch ist oder auch From the Choirgirls Hotel, mit einem meiner Lieblingssongs Northern Lad.

Nicht gerade die beste Version des Songs, aber man hört schön, wie sie die Wörter verunstaltet und sieht dass mir der Bassist wirklich zum Verwechseln ähnlich sieht😉

Kennen Sie das auch Herr A-Ton, dass man manche Musik erst nicht versteht, aber merkt, dass da was ist und beim näheren Hinhören pellt sich da ein Schatz heraus?

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15.08.2011, 11:45

Lieber Herr O-Ton,

„is she still pissing in the river?“ („Space Dog“). Mit Myra Ellen Amos – so heißt Tori Amos mit bürgerlichem Namen, wobei ich den Vornamen Victoria vermutet hätte – habe ich bisher nicht viel am Hut gehabt. Ich kenne aber ein paar Songs von ihr.

Ich liebe „A Sorta Fairytale“ vor allem wegen des poetischen Musikvideos. „Strange Little Girls“ fand ich zumindest erstaunlich, „Cornflake Girl“ vom Songtitel her amüsant. Und vor dem exzentrischen Musikvideo zu „Professional Widow“ im „Armand’s Star Trunk Funkin‘ Mix (Radio Edit)“ (sic!) hatte ich als Kind Angst gehabt, warum auch immer.

Apropos Kindheit. Ich war 9 Jahre alt, als diese in Deutschland erstaunlich erfolgreiche Single erschien. Zur Zeit ihrer Debütveröffentlichung anno 1992 war ich sogar erst fünf! Lange Zeit später habe ich sie fälschlicherweise als zu lieblich für meinen Musikgeschmack abgetan, sie nannte ihr Best of schließlich nicht unprätentiös Tales of a Librarian (2003)!

Eingeordnet habe ich sie zwischen der schrulligen Kate Bush und der biederen Heather Nova, die ich beide im Gegensatz zu Amos kaum mag. Ihre jüngeren Kolleginnen Fiona Apple (wann kommt ihr viertes Album?) und Feist (bald kommt ihr viertes Album) trafen viel mehr mein Herz.

Das Herz meiner besten Freundin Karo hatte Tori Amos schon in ihrer Jugend geknackt. Doch Album Nr. 3 Boys for Pele (1996), welches ich von Karo erhielt, war mir wahrscheinlich zu lang geraten (ca. 70 Minuten), um bewusst gehört zu werden. Das Ding hatte ich wohl auch nicht kapiert, das Hören jener Albums und auch deiner Anspieltipps wird aber nachgeholt.

Doch ein Schatz hat sich tatsächlich herausgepellt. Dank dir höre ich ihr zweites Album Under the Pink (1994) via simfy. Und ich bin wirklich verzückt von den zwölf Songs. Demnach war ich damals wohl zu jung für ihre teils vertrackten Lyrics, ihre vielschichtigen Klaviermelodien, ihre schöne aufopfernde Stimme. „Pretty Good Year“, „God“ und „The Waitress“ sind anregende expressive Mid-Tempo-Stücke, „Space Dog“ ist schizophren und grandios, ihre Balladen wie „Cloud on My Circle“ oder das sinnliche „Icicle“ versprühen hingegen befremdlich schönen Liebreiz. Und über allem thront natürlich die wahnsinnig eingängige Single „Cornflake Girl“.

Ich hätte noch ein paar Fragen. Wer ist Amy Grant? Hatte Tori schon immer rote Haare? Wie gut war ihre frühere 80s-Synthiepop-Band Y Kant Tori Read, der damals großer Erfolg versagt war? Und die wichtigste aller Fragen: ist Tori Amos der Posterwoman-Traum aller Toy-Boy sein wollenden jungen Heteromänner schlechthin, eine Art MILF?😀

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16.08.2011 21:16

Ach wie schön, Herr A-Ton,

dass Sie jetzt ein bisschen Tori hören und entdecken. Zu Ihren Fragen:

Amy Grant, christliche Folkbardin, die ein paar nette Liedchen geschrieben hat. Ich war ein echter Fan! Es ist allerdings sehr 80er, sehr seicht und hat heute für mich nur noch Erinnerungswert. Es gab einen Ausflug von ihr in die Popwelt, mit einem echten Hit, nämlich Baby Baby aus dem Jahr 1991, den vielleicht auch Sie kennen…?

Tori hatte glaube ich schon immer rote Haare, wobei manchmal mehr manchmal weniger rot… und die 80er Jahre Y Kant Tori Read, hatte ausser dem lustigen Namen wirklich nicht viel zu bieten. Soweit ich weiss gab es eine Menge Streit mit Atlantic Records und mit der Band und wenn man das Video zu The Big Picture sieht, kann man sich einfach nicht vorstellen, dass Tori das gut gefunden hat, auch wenn sie es ziemlich gut rüberbringt. Man sagt, sie hat das Album nach ihren großen Soloerfolgen einstampfen lassen.

Zur letzten Frage kann ich nur sagen: Ich habe auf beiden Konzerten mit Tori Amos keine Heteromänner gesehen! ich vermute, die haben eher Angst vor so einer Frau, man muss sich nur mal ihre Absätze ansehen!

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17.08.2011, 16:07

Servus, Herr O-Ton,

ach DAS ist Amy Grant! Und sie macht sonst eher christlichen Folk? Das hört man ihrem größten Hit „Baby, Baby“ aber so gar nicht an! Das kenne ich natürlich, ist ja auch fester Bestandteil aller Seichtradiosender mit der Ziffer „3“ am Ende. Sehr oft unbewusst habe ich das Lied seit meiner Kindheit gehört, und leider kann ich es nicht schlecht finden. Gut aber auch nicht. Ich muss gerade an Paula Abdul und Mariah Carey denken…

Kommen wir zu einer interessanteren Künstlerin zurück. Tori Amos bringt im September diesen Jahres ein neues Album heraus: es nennt sich Night of Hunters (2011) und wird von einer neuen Plattenfirma vertrieben, Deutsche Grammophon. Allerdings ist das bloß eine Unterabteilung ihres „alten“ Labels Universal. Das Cover sieht mit dem stark nachgefärbten Haar schon mal sehr streng und doch künstlerisch aus (Photoshop-Einsatz?), auch wenn sie damit und der Plattenfirma-Wahl endgültig in die Sparte „Musik für besserverdienende Ü40-Menschen“ gelandet ist.

Rote Haare, das ist unverkennbar ein Markenzeichen Toris! Wie Tori Amos als Mitglied von Y Kant Tori Read damals aussah, ist zum Teil nicht sehr verwunderlich. Hey, es sind die 80er, sie war noch auf der Mainstream-Seite des Musikgeschäfts angesiedelt. Man erkennt ihr Gesicht zumindest wieder, ihre Haare, wenn auch sehr kraus gestylet, ihre damals schon kraftvolle Stimme, ihr Talent als Sängerin und Pianistin.

Aber im direkten Vergleich mit den Solokarriere-Videos, wie z.B. dem acht Jahre jüngeren und überaus anspruchsvoll wirkenden Kunst-Musikvideo zum „Professional Widow“-Remix (vor dem ich, wie weiter oben erwähnt, früher als Kind Angst hatte) wirkt sie wie ausgewechselt.

Was sie in „The Big Picture“ – gar nicht mal so schlecht, denn ihre Stimme „rettet“ den Song – anhatte, ist schon sehr erstaunlich: ein bauchfreies Top, eine eng anliegende Lederhose, ein Negligé!!! Und wie sie mit letzterem Kleidungsteil so dasteht und Klavier spielt, während sie ihren linken Fuß an der Klaviatur abstützt und ihre Beine übersexy anwinkelt, ist unfassbar lustig. aber ihr Körper (von damals, selbst von heute) ist auch total dafür geschaffen, in a way. Würde die Tori von heute noch auf diese aufreizende Art herumklimpern? Ja, aber mit mehr Würde!

Und ich bleibe dabei. Tori Amos gilt trotz großer Gay-Fanbase für viele Menschen als MILF. Habe ich nicht recht, VULTURE und Spinner?😉

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17.08.11 19:56

Liebster A-ton,

wie gesagt, kann ich ihre MILF-Hypothese von meinen Konzertbesuchen nicht bestätigen. Was ich aber bestätigen kann ist, dass sie immer noch sehr aufreizend am Flügel, besser gesagt zwischen ihren Klaviaturen sitzt. Am geilsten finde ich, wenn sie sowohl links und rechts spielt und den Körper dem Publikum zuwendet. Was den Klamottengeschmack anbetrifft gilt sie bei den meisten Schwulen als schlecht angezogen. Ich erinnere mich an ein Sackkleid in unmöglichen Farbn, das einen unmöglichen, faltigen Ausschnitt hatte, sodaß sie drunter was hautfarbenes tragen musste.

Es gibt eine eiserne Regel bei Tori Amos Konzerten. Die Leute sitzen meist, den Großteil des Konzerts über aber dann gibt es einen Punkt, so gegen Ende, wo alle nach vorne zur Bühne strömen. Ich hatte einmal das Glück dabei besonders schnell und naja groß zu sein, dass ich ihr sozusagen direkt auf die Schuhe blicken konnte, quasi Greifweite. Ich glaube ich habe noch nie in meinem Leben solch hässliche Schuhe gesehen. Grün, mit Plateau und geschätzten 20cm Absatz. Und wie man ein Konzert komplett in diesen Schuhen absolvieren kann, ein Wunder!!!! Also sie klimpert immer noch ziemlich schräg und aufreizend sexa, wie selbst ich finde. Aber ihre Frisur und Klamotten sind auch heute manchmal kaum zum aushalten.

Noch kurz zur Nachfolge von Tori: Ich sehe da eher Joanna Newsom, Esperanza Spalding oder auch Anna Calvi. Zum einen, weil die einen absolut eigenen, ungewöhnlichen Stil haben und vielleicht auch weil alle drei ein bestimmtes Instrument im Vordergrund haben. Bei Newsom ist es die Harfe, bei Spalding der Kontrabass und bei Calvi die E-Gitarre.

Hier eines meiner Lieblingsvideos von der Tori, das einem auch irgendwie Angst machen kann, Adrien Brody Fans aufgepasst:

…und natürlich noch das Video zu 1000 Oceans, einer meiner Lieblingsballaden von ihr…

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18.08.2011, 15:47

Tach, lieber O-Ton,

„A Sorta Fairytale“, immer gut und schön! Adrien Brody ist auch sehr glaubwürdig in seiner Rolle.

Ja, Toris Exaltiertheit am Klavier auf Konzerten ist schon legendär. Ich habe sie bisher noch nie live gesehen, aber das, was man im Fernsehen in Performance-Ausschnitten oder auf Youtube und Konsorten sehen kann, ist schon geil. Ihre physischen Piano-Begleiterscheinungen sehen auch irgendwie nicht so peinlich aus wie beim Jazzpopper Jamie Cullum.

Ach ja, die queere Stilpolizei ist wieder im Einsatz. Abgesehen davon, dass es noch schlimmere kleidungstechnische Stilverbrecherinnen gibt wie Debbie Harry, finde ich, dass man/frau als Musikmensch und Performer so einiges darf. Ich fand den „sleazy style“ der 90er (wirres ungeglättetes Schweißhaar, Tanktop) hätte beibehalten sollen. Fand ich von der Attitüde her auch interessanter. Aber dennoch sieht sie gesichtsmäßig mit Ende 40 noch sehr gut aus, so ist sie halt, unsere rothaarige MILF mit den vielen Gay-Fans!

20cm-Absätze? Sky Heels! Ich muss gerade schon wieder an Lady Gaga denken, die hat diese ja quasi von der Haute Couture in den Mainstream geholt, auch wenn die kein Ottonormal-Mensch tragen würde. Warum assoziiere ich nur jeden möglichen Scheiß mit Frau Germanotta? Habe übrigens heute endlich das brandneue Musikvideo zu „Yoü and I“ gesehen und finde es natürlich gut!

Amos-Nachfolge? Amos Lee natürlich! Nein, Scherz. Was Piano-Performances angeht, hat die eben erwähnte Frau Gaga schon Amos’sche Züge an sich. Ansonsten. Joanna Newsom, Anna Calvi und Esperanza Spalding sind alles wunderschöne und überaus talentierte Musikerinnen, aber alle für sich genommen viel zu unterschiedlich vom Image und von den charakteristischen Instrumenten her, um solch einen Stammplatz im Musikbusiness zu beerben. Sind ja auch im Gegensatz zu Tori Amos „indie“.

Nicht unbedingt weniger „indie-mäßig“, aber immerhin viel weniger unterkühlt als Newsom/Calvi/Spalding, ist für mich Regina Spektor. Gerade wegen des Klavierspielens! Aber sie ist schon braver als Tori. Oder Fiona Apple noch immer, auch wenn sie sich immer so rar macht (im Gegensatz zu Tori). Individualistischer in Sachen Kleidung und Auftreten hingegen, aber mit keinem bestimmten Instrument wirklich präsent, ist Sia.

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