John Cage ist nicht schwul!

Lieber Herr A-Ton,

in unserem vergangenen inoffiziellen Chat, ging es mitnichten um John Cage. Er war vielmehr Bestandteil einer locker zusammengetrommelten Truppe von Musikern mit queeren Background, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Diese Liste war für mich ein Anstoß über Schwule und Musik nachzudenken. Das hört sich jetzt vielleicht etwas weithergeholt an, aber was will man machen, wenn man schon John Cage hingeworfen bekommt und eigentlich keine Ahnung von dessen Musik hat. Ausserdem denke ich, passt das, als weiter zu führendes Thema für unser Protokoll, gut rein.

Nun gibt es ja Musik, die wird von Schwulen gemacht und auch gerne von Schwulen gehört: Im Pop-Bereich wären das z.B. Erasure, Pet Shop Boys, Rufus Wainwright; im Singer/Songwriter Genre hätten wir Scott Matthew, Christopher Dallman, Jay Brannan; Für die Alternative-Ecke würde ich Antony and the Johnson und The Hidden Cameras vorschlagen und im Elektronik Fach kenne ich Hercules and Love Affair. …to be continued Herr A-Ton!

Auf der anderen Seite haben wir Musik, die von Schwulen gehört wird, aber nicht primär von Schwulen gemacht wird. Die Beispiele erspare ich mir jetzt. Wobei! Warum lieben viele Schwule eigentlich aussergewöhnliche Frauen? Barbra Streisand, Joni Mitchell, Tori Amos, Kate Bush…

Als Schwuler muss ich dazu sagen, dass mir die Musik, die in schwulen Etablisements gespielt wird, oft nicht zusagt. Meist gibt es Remixes von 70er, 80er, 90er Hits zu hören oder eben das gleichförmige WummWummWumm, das nur manchmal einen Titel erahnen lässt. Eine weitere Form „schwuler Musik“? Das Konsumieren leicht verdaulicher Kost? Siehe ESC und die Schlagerbegeisterung in der Schwulengemeinde.

Es gibt aber natürlich auch Künstler, die zwar einen queeren Background haben, deren Musik sich aber keiner dieser Kategorien zuordnen lässt. Und dazu gehören eben John Cage oder Hans Werner Henze, Komponisten also, die sich mehr mit einer ästhetischen Form der Musik beschäftigt haben.

Das alles nur als Anstoss für einen Thread, Herr A-Ton, bitte!

Zu guter Letzt doch noch etwas zu John Cage, dass ich vor ein paar Tagen gelesen habe: Sein Stück Organ2/ASLSP wird in Halberstadt aufgeführt! Vielleicht ein schöner Tipp für einen Fieldtrip in Sachen Neuer Musik. Zeit hat man dafür noch genügend, denn die Aufführung dauert noch bis zum Jahre 2639 (Di-So 12-16Uhr, von APR bis OKT 11-17Uhr). Das John-Cage-Orgelprojekt wird nämlich as slow as possible gespielt und läuft schon seit 10 Jahren. Die Klangwechsel werden jeweils ausgiebig zelebriert, der letzte war am 5. August 2011. Ich fahr da auf jeden Fall mal hin!

http://www.john-cage.halberstadt.de/

 

07.08.2011, 14:44

Lieber Herr O-Ton,

klar ging es nicht explizit nur um John Cage in unserer letzten Konversation. Aber um den provokanten Titel dieses Posts etwas zu entkräften, muss ich erwähnen: und ob John Cage schwul war! Oder, sagen wir mal, er war erst eine Hete und dann wechselte er seine sexuelle Orientierung. Oder er war bisexuell, whatever. Denn zunächst war er mit einer gewissen Xenia Kashevaroff zehn Jahre lang verheiratet, lebte dann ganz lange bis zu seinem Tod in einer Beziehung mit dem Tänzer und Choreographen Merce Cunningham. Im Laufe der Zeit entfernte sich das Paar aber vom Beziehungsstatus der Monogamie und lebte mit dem Künstler Robert Rauschenberg ein Dreier-Verhältnis aus, im beruflichen wie im WG-mäßigen und zwischenmenschlichen Sinne.

Ich habe soeben „4’33″“ von Cage gehört. Ganz schön spannend, diese Stille.😀 Ist eher Kunst als Musik, aber darauf zielen seine Stücke ja auch sicherlich ab. Abgesehen davon fände ich einen Ausflug nach Halberstadt, evtl. mit dir, lieber Mr. O-Ton, zu seinem Langzeitprojekt sehr interessant, das würde meinen musikalischen Horizont durchaus erweitern.🙂

Nun zu einem eher beschränkten Horizont. Der „schwule Mainstream“, falls es so einen gibt, hat – oberflächlich betrachtet – schon keinen tollen Musikgeschmack. Andererseits kann von einem besseren Gusto bei 0815-„Heten“ auch keine Rede sein. Der Unterschied liegt vielleicht höchstens dabei, dass schlechte Schwulenmusik eher elektronisch und bumm-bumm-mäßig grundiert ist, schlechte Hetenmusik eher rockistisch oder plätschernd-langweilig daherkommt. Denn Schwule, die in den 70ern und 80ern musikalisch aufgewachsen sind, kamen oft und als Erste mit Disco – Weiterentwicklung von Soul-Musik – in Berührung, an sich kein böses Genre, woraus sich ja dann andere und schnellere elektronische Genres wie House oder Schlimmeres entwickelt haben.

Siehe Eurovision Song Contest. Und obwohl er insgesamt – auch dank Lena und Raphael Gualazzi (2.Platz dieses Jahr, italienischer Beitrag) – weniger schwul geworden ist, stellt diese Veranstaltung noch weiterhin eine große Sause dar für Schlager- und, haha, Eurotrash-Fans.

Gay-Veranstaltungen und Gay-Discos decken eben die Musik des „schwulen Mainstreams“ ab, welche sich aber nur in geringem Maßen von Partymusik in „normalen“ Etablissements unterschiedet. Viel Charts-Mucke ist drin, was Heten wie Homos gerne hören. Manche Songs werden halt etwas öfter und lieber von Gays gehört. Ich denke da z.B. an „Tanz der Moleküle“ (MIA.) oder „Funhouse“ (P!nk).

Aber, wie du schon aufgezeigt hast, lieber Mr. O-Ton, ist der näher betrachtete Musikgeschmack von Schwulen weitaus vielfältiger und beinhaltet auch weniger massenkompatibles Zeugs. Und auch die Palette von schwulen und bisexuellen Musikern ist eigentlich auch nicht beklagenswert, wie du bereits aufgezählt hattest.

Musik von Schwulen (und Lesben und Bisexuellen), die von Schwulen gerne gehört werden? Mir fallen noch ein, und die Liste ist sicherlich nicht vollständig:

POP
– Soft Cell/Marc Almond
– Frankie Goes to Hollywood
– Scissor Sisters
– Elton John (of course)
– Boy George (of course)
– George Michael (of coooourse)

INDIE
– The xx (soweit ich weiß, sind die Sänger schwul/lesbisch)
– Chris Garneau
– Owen Pallett
– Bloc Party (Kele ist schwul)
– Sigur Rós
– Xiu Xiu (Sänger ist bisexuell)
– Patrick Wolf (bisexuell)

ELEKTRO
– Austra (lesbisch)
– Patrick Cowley (Disco)
– Frankie Knuckles (Disco)

Und Musik von schwulen Musikern, bei der das „Schwule“ nicht so offensichtlich ist:

FOLK/COUNTRY/SINGER-SONGWRITER
– American Music Club/Mark Eitzel
– The Magnetic Fields/Stephin Merritt

KLASSIK/JAZZ

– Fred Hersch (Jazz)
– Nico Muhly

Und Rio Reiser!

Warum Schwule musikalisch so sehr auf außergewöhnliche Frauen abfahren? Antwort: weil Schwule sich oft als ebenso außergewöhnlich sehen. Und weil Musikerinnen und Sängerinnen im Durchschnitt eher exzentrisch sind, gerade in der heutigen Zeit, nehmen sie eben weibliche Musikmachende oft zum Vorbild, sie wollen so sein wie sie. Kate Bush, Björk, Robyn und natürlich Madonna und Lady Gaga als massentauglichste Prototypen.

Auch stehen viele Schwule mit „alternativerem“ Musikgeschmack sehr auf Elektro-Pop, gerade der mit einer Frau am Mikro. Róisín Murphy, The Knife/Fever Ray, nochmal Björk und Robyn, Goldfrapp, La Roux. Das ist quasi die Abgrenzung durch die „Besserhörer“ innerhalb der Elektro-Mucke. Womit wir wieder bei den Koeffizienten „gay“ und „electronic“ wären.

Was hören eigentlich Lesben für Musik, außer jene von „starken Frauen“ wie P!nk?

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