Jay Brannan

Lieber Herr O-Ton,

in einen unserer letzten Chats landeten wir beim Thema „(offen) schwule Musiker/innen, Sänger/innen und Komponist/innen“. Vorzugsweise die Non-Mainstream-Leute (d.h. exklusive Elton John, George Michael und die üblichen Verdächtigen). Ich meinte, dass manche (nicht alle!) durch ihren Gay- oder Bi-Bonus durchaus mehr Sympathiepunkte erhalten, auch wenn diese Information eher indirekt mit dem Gefallen von Musik zu tun hat.

John Cage fiel mir ein, obwohl ich nichts von seinem Werk kenne. Weil wir über klassische Opern und E-Musik von Leuten wie Klaus von Stockhausen (alles nicht meine Welt) sprachen, ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein, dachte ich, dass Stockhausen auch ein LGBT-Mensch sei (glaube nicht). Und dann fiel mir eben Cage ein. Und dann Rufus Wainwright (weil er Opern und Klassik nahesteht). Und den Singer/Songwriter Jay Brannan.

Es gibt da diesen wunderbaren und tragikomischen Episodenfilm namens Shortbus, der von einer Handvoll Menschen jedweder sexueller Orientierung handelt, die mit ihrem bisherigen Sexleben hadern und nun ihr Leben umkrempeln wollen, indem sie neue Leute kennenlernen. Und ob sie ihren Seelenfrieden in der New Yorker Künstler- und Sexorgien-Kommune „Shortbus“ finden werden, wird am Ende dann doch offengelassen. Jedenfalls sind mehrere Musiker in dem Film involviert, die zumindest im Indie-Gay-Szenen-Mikrokosmos bekannt und/oder berühmt sind. Am ehesten könnte man den großartigen Scott Matthew kennen, ansonsten ist Gentleman Reg dabei, sowie Justin Bond, der sich selbst spielt und eben Jay Brannan, der die Rolle von Ceth darin verinnerlicht.

Jay Brannan als süßes Ex-Model Ceth sucht in John Cameron Mitchells Shortbus einen Partner und findet gleich zwei. Nämlich ein schwules Pärchen names Jamie & James. Beide wollen ihre Beziehung für mehr Menschen öffnen und da kommt Ceth genau zur richtigen Zeit. Man merkt, dass der nicht unhübsche Jay Brannan sehr authentisch eine große Nebenrolle verkörpern kann, obwohl er in erster Linie Musiker ist.

Man möchte aber meinen, dass er als Schauspieler besser ist, auch wenn er sein etwas tuntiges Verhalten im Schauspielern nicht abstellen kann. Denn wenn ich seine Songs höre, die er meist nur mit seinem Gitarrenspiel unterlegt, dann ist jenes und seine Stimme ganz okay, aber die Texte und die Melodien ziemlich banal, bzw. überzuckert. Die hilfreiche Rating-Webseite Metacritic hat mehrere Kritiken seines zweiten Albums In Living Cover (2009) gelesen, die Bewertungen zusammengerechnet und kam auf 48 von 100 Punkten. Das heißt, dass die Plattenkritik-Meinungen zu In Living Cover, ein Album mit fast nur Coverversionen (Ani DiFranco, Bob Dylan) eben, durchwachsen waren, sein Album demnach durchschnittlich bis schlecht gefunden wurde.

Aus seinem ersten Album Goddamned (2008) der Song „Housewife“:

Oder anders gesagt: man erwartet bei Brannan charmanten leicht angeschrägten Indie-Pop, weil man vom Mitspielen im alternativen Shortbus positiv voreingenommen ist, kriegt aber so etwas wie „Ex-Disney-Teen-Schauspieler greift zur Gitarre und gibt sich keine Mühe, interessante Musik zu machen“ vorgesetzt. Schade eigentlich, oder?

09.08.2011 8:19

Lieber A-Ton,

Schade eigentlich? Ich weiss nicht. Er hat durch den Film eben so viel Aufmerksamkeit bekommen, daß seine Karriere als Singer/Songwriter steil nach oben ging. Wobei viele seiner Fans immer noch gerne in ihm den süßen Ceth sehen und seine expliziten Szenen in Shortbus. Das wirkt auch 2010, 4 Jahre nach dem Film, noch nach. So gesehen im Stadtgarten Köln, wo der große Saal fast aus allen Nähten platzte, als Jay Brennan hier ein Konzert gab. Das Publikum bestand aus „schwulen Hausmännern“ in karierten Hemden, die mal den süßen Jungen aus dem Film sehen wollten. Schade nur, dass sie ihr Hündchen alle zuhause lassen mussten. Dafür bot das Konzert genug Gelegenheit, den auf Key West antrainierten amerikanischen Akzent anzubringen und zotige Sprüche auf die Bühne zu werfen. Jay nahm das, tatsächlich wie ein „Ex-Disney-Teen-Schauspieler“ gelassen und professionell. Man muss dazu sagen, dass das Set sehr gut war und er mit Gitarre und Stimme den Raum füllen konnte.

Ganz im Gegensatz zu Jay Brennan’s Konzerten, stehen die Auftritte der Hidden Cameras, die auch einen Song, nämlich Boys of Melody zu dem Soundtrack von Shortbus beitrugen. Die Band um den Songwriter, Sänger und Gitarristen Joel Gibb, setzt sich immer wieder aus anderen Musikern zusammen und so sind die Konzerte der Bands immer wieder eine Überraschung, aber mit Sicherheit auch ein großer Spaß. Die Songs, die auf CD oft etwas stacksig, punkig und herausgepresst daherkommen, werden auf der Bühne gelebt, getanzt und gefeiert. Am Ende, wenn dann jeder an einem anderen Instrument gelandet ist, möchte man nur noch mitfeiern. Hier das neue Video, das vielleicht einen schönen Eindruck, von der schrägen Queerness der Gruppe gibt, die meiner Ansicht sehr nah an der Atmosphäre von Shortbus ist.

Auch sehr nah am Film ist, der von Herrn A-Ton bereits erwähnte, Scott Matthew. Der bärtige Barde ist einer der melancholischsten Songwriter, die ich kenne. Fast jeder seiner Songs klingt, als würde der Sänger gleich in Tränen ausbrechen. So melancholisch sie sind, so schön sind sie auch und bei jedem seiner neuen Alben, sagt Scott: „My new Album is considered to be uptempo!“. Hahaha! Was man auf seinen CDs so kläglich vermisst, ist sein Humor, seine Spitzbübigkeit, seine Androgynität. Das alles kann man auf seinen Konzerten erleben. Der vollbärtige, vollkommen in schwarz gekleidete, wuchtige Mann sitzt auf einem Barhocker, ein Glas Rotwein in der Hand und überrascht dann mit einem hohen, etwas schwulen Stimmchen, das jedes Eis bricht! „I believe, i’m a bit tipsy…“. Der Griff zur Ukulele sitzt aber und seine Musiker stimmen ein weiteres tottrauriges seiner Stücke an. Erwähnen will ich hier das Album Elva Snow, das Scott Matthew 2001 mit dem wunderbaren Spencer Cobrin aufgenommen hatte. Der Schlagzeuger und zuweilen Songwriter der Band von Morrissey hat nach seinr Abkehr von der Gruppe in New York den jungen Schott Matthew kennengelernt. Gemeinsam scheiben sie Songs und gründeten das Projekt Elva Snow. Die damals aufgenommene CD wurde um 2 Titel erweitert und 2010 vom deutschen Label Glitterhose Records neu aufgelegt. Dieses Album würde ich jetzt wirklich als uptempo bezeichnen! Es folgte eine kleine Clubtour durch Deutschland, bei der ich das Glück hatte, eines der wirklich kleinen und privaten Konzerte im Kölner Blue Shell mitzuerleben.

Wann gehen wir eigentlich mal zusammen auf ein Konzert, Herr A-Ton?

Scott Matthew kommt am 23.11.2011 in die Kölner Kulturkirche!

 

Lieber O-Ton,

ich finde, du hast die Konzertsituation bei Jay Brannan damals sehr nachvollziehbar und amüsant geschildert. Das waren also Großstadt-Mitdreißiger mit Brille und zwei Lebensabschnittspartnern, einmal tierisch, einmal männlich. Jene, die ein gesetteltes Leben führen, nicht schlecht verdienen, aber eher langweilig sind, auch musikgeschmäcklerisch, und durch das Gucken und Kennen von Shortbus glauben, sie seien sooo rebellisch. Und rufen als eine Art Druckentladung dem Jay vor der Bühne am liebsten „Ausziehen!“ hinterher. Herzlich Willkommen zur Blasphemie des schwulen Spießers.😀

The Hidden Cameras gehörten bisher immer zu einer Kategorie von Indie-Bands, die ich ganz nett fand, aber mit denen ich mich nicht näher beschäftigen wollte, weil ich sie für harmlos halte. Rilo Kiley, Death Cab for Cutie, The Shins, The New Pornographers. Ich kenne „I Believe in a Good of Life“, „AWOO“ und ein/zwei Songs von ihrem letzten Album. Und ja, ich weiß über die Liebe Mehmet Scholls zu dieser Band Bescheid. Und auch dass sie mal vor irgendeinem Bundesligaspiel auf dem Fußballfeld standen und die übermaskulinen Leute mit ihrer Performance etwas irritiert haben.😀

Zu Scott Matthew werde ich einen neuen Thread eröffnen. Aber bisher kann ich sagen: toller Mann.🙂

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